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Joker

Joker - Filmplakat
© 2019 Warner Bros. Ent.

Nennen wir das Kind beim Namen: Deutschland hat‘s verkackt!

JokerDC‘s letzte Ehrenrunde, um aller Welt zu beweisen, dass dieses Label doch was drauf hat. Joker – der Charakter, der eigentlich kaum Fehlschläge zulassen kann, weil er so gestört, so kaputt, so dreckig, so abnormal, so fern der Normalität ist.

Eigentlich … eigentlich, dieses wehmütige Wort … eigentlich hätte man nur den Hauptdarsteller richtig dreckig und abgefuckt über die Leinwand huschen lassen müssen und alles wäre perfekt gewesen. „Smile“.

Warte mal: Genau das hat man ja eigentlich getan. Abgefuckte Schrift in zerfledderten Tagebüchern. Eine rauchige, derbe, schmutzige Stimme, und viel diabolisches Charisma: Nur kriegen diejenigen, die sich hierzulande die eingedeutschte Version davon anschauen, davon einfach gar nichts mit.

Auch Deutschland wurde durch den Trailer bereits von Nat „King“ Cole‘s „Smile“ so getriggert, dass die Wirkung dieses Wortes – Smile – den ganzen Film über wirkt … nur leider nicht im Deutschen. Da heißt es auf einmal „Lachen“, oder irgendwas anderes, was den Übersetzern eben gerade eingefallen ist, während sie die 1a-fastschonDruckschrift-Version des Tagesbuchs eingedeutscht und die Szenen neu gedreht haben … Spinnt ihr eigentlich?

Ihr seid schuld, dass hierzulande Besucher der Premierenvorstellungen sagen „Sorry, aber der hat einfach mal gar nicht gezündet“. Wie haben die in Venedig dann 8 Minuten Standing Ovation hingekriegt?

Ach – die haben nicht die deutsche, sondern die Originalversion gesehen? Sind die etwa unterschiedlich?

Wisst ihr was?

Ich hasse euch dafür, was ihr dieser Version angetan habt.

Ich hasse euch dafür, dass ihr gefühlt das Nervenkitzlige rausgeschnitten habt, um den Aufruf an die Ärmeren dieses Landes, sich zu erheben und gegen die kapitalistische Elite zu protestieren, abzuschwächen, damit es wieder nur zweitklassige Unterhaltung bleibt und bloß keiner auf die Idee kommt, trotzdem durchzudrehen.

Joker – also das Original – sagt aber etwas anderes. Und genau das ist die Perle, für die man eigentlich sein Kinoticket löst, wenn man den Film sehen möchte. Joker sagt: Dreht durch. Rastet aus. Lasst euch den ganzen Scheißdreck einfach nicht mehr gefallen. Brennt alles nieder. Holt euch euren Applaus. Zeigt der Welt, dass ihr mit den euch aufgedrückten Konformismus-Regeln nicht einverstanden seid und lasst das Chaos beweisen, dass ihr euch dem nicht weiter beugen wollt.

Verändert etwas.

Revolutioniert.

Und irgendeiner (oder eine) da oben war sich ziemlich sicher, dass man dies einem deutschen Publikum wohl nicht zumuten kann.

Und darum ist die deutsche Version davon einfach so scheiße.

Also geht in das Original.

Oder lasst es.

Dolby Vision™
Lasst euch von dem Anfang nicht stören – der Film findet seinen Weg in die Sphären von Dolby Vision™, also gebt ihm paar Minuten und genießt die Atmosphäre, die hier geschaffen wurde.

Dolby Atmos™
Viele von euch erwarten das Chaos, pure Energie – und was euch geliefert wird, ist anders, als die PR wohl angekündigt hat, jedoch sind die Szenen – speziell in der U-Bahn – derart grandios, dass du im Dolby Cinema™ einfach stirbst vor Geilheit! In jedem anderen Kino nicht.

DC hat‘s nicht verkackt. Deutschland hat‘s verkackt. Das Original braucht Zeit und erhebt sich in einer grandiosen Show. Deutschland hat Angst – und Joker darum die Seele geklaut und irgendwas kaputtes auf die Leinwand gebracht, was nicht mehr zündet. FU, Translators. Und Publikum: geht bitte in‘s Original.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, es folgt nichts mehr.

Kinostart: 10. Oktober 2019

Original Title: Joker
Length: 122 Min.
Rated: FSK 16


Skin

Skin - Filmplakat
© 2019 24 Bilder

In meinen Augen gibt es kaum ein Thema, das wichtiger wäre, um darüber zu reden. Und weil keiner mehr zuhört, braucht es Mittel, die Menschen wenigstens für ein paar Minuten … oder wenige Stunden zur Räson zu bringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich etwas erzählen zu lassen.

Wer könnte so etwas besser, als Kino?

Skin handelt nicht etwa von Skinheads, sondern erzählt eine wahre Geschichte eines Mannes, der einen weitreichenden Wandel hinter sich hat und u.a. mit dafür verantwortlich war, die Welt zu großen Teilen besser zu machen.

Skin spricht über das getrübte Bild, das in den Medien verbreitet, in Social Media verwüstet und in den Köpfen der Leute zu irrsinnigen Monstren gesponnen wurde.

Skin erzählt etwas, womit sich heute jeder einmal auseinandersetzen sollte.

Skin ist ein Film, den man zwingend mindestens 1x gesehen haben muss. Auch aus entertainment-technischen Gründen: Es fängt krass an, es ist krass zwischendurch und es endet krass. Nicht nur die Bedeutsamkeit ist hier von enormer Wichtigkeit, sondern auch für den geneigten Kinogänger ist dies gefundenes Fressen – mit einem grandiosen Jamie Bell, den so mancher eventuell noch aus Billy Elliot kennt.

Was mich besonders begeistert, ist die unverblümte Art, wie man hier in ein dreckiges Element menschlichen Niedergangs eingeführt wird und geschichtliche, hochaktuelle und -brisante Entwicklungen quasi am “lebenden Objekt” präsentiert bekommt. Niemals wurde etwas so schleierhaft Mystisches derart einfach und verständlich durchleuchtet und von seiner Unkenntlichkeit bereinigt.

Wer das System dahinter verstehen möchte, wer wissen will, wie “die” arbeiten, wer verstehen möchte, wie es “dazu kommen konnte”, der kommt um diesen Film schlichtweg nicht drum rum.

Und damit gilt Skin fast schon als ein Meisterstück deutscher Enthüllungsgeschichte, der zur Grundlektüre eines jeden Staatsbürgers gehören muss, denn wir haben diesen Schwachsinn verzapft und sind verantwortlich für die weltweite Epidemie, die dadurch ausgebrochen ist.

Hier folgt nun die Heilung des Geistes.

Nehmt sie. Schluckt sie. Und verbreitet sie weiter.

Pflicht! Also rein!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, hier folgt nichts mehr. Außer, dass du geschockt bist!

Kinostart: 03. Oktober 2019

Original Title: Skin
Length: 117 Min.
Rated: FSK 16


The Kitchen: Queens of Crime

The Kitchen: Queens of Crime - Filmplakat
© 2019 Warner Bros. Ent.

Manchmal bewundere ich, wie es einige Verleihe doch immer wieder schaffen, in den Suburbs der Kinogeschichte zu verschwinden und trotzdem dabei eine Veröffentlichung auf dem Papier nachweisen zu können. Was ist los? Angst?

The Kitchen: Queens of Crime ist so ein wunderbares Beispiel dafür, dass es manchmal gar nicht so falsch wäre, aufrecht zu stehen für das, was man in den eigenen vier Wänden produziert hat.

Tatsächlich sind die Meinungen zu diesem Film kontrovers und auf Melissa McCarthy ist auch nicht jeder positiv zu sprechen. Hat sie in den vergangenen Jahren einige Blödelrollen angenommen? Ja. Heißt das, dass sie ausschließlich Unfug-Filme veranstalten und keine ernstzunehmenden Rollen verkörpern kann?

Auf keinen Fall! Can You Ever Forgive Me? war dieses Jahr bereits eines der großen Beispiele dafür, dass in ihr definitiv mehr steckt, als die “kleine dicke Lachnummer”, an deren Image sie jahrelang gefeilt hat.

Und an alle Sexismus-Connectierer: “The Kitchen” hat auch nix mit Frauen und Küche zu tun, sondern bezeichnet Hell’s Kitchen – das berühmt-berüchtigte Viertel in New York im Jahre 1978.

Modell für diesen Film hat ein Comic von DC gestanden, und dass die ”böse” eigentlich ganz gut können (bislang noch nur auf dem Papier), ist weithin bekannt. Dazu hat man einen exzellenten Cast herbeigerufen, der sich eigentlich für seine Leistungen feiern muss: Besagte Melissa McCarthy, Tiffany Haddish und Elisabeth Moss.

Würden diese drei nicht so unter den Mankos des Films leiden, hätte hieraus etwas wahrhaft großartiges werden können, was die Schauspielleistungen keinesfalls herabwürdigen soll. Ihnen “bei der Arbeit” zuzusehen – im wahrsten Sinne des Wortes – ist ein wahres Vergnügen.

Dazu kommt ein Setting im Film, das dem Flair der DC-Comics gerecht wird. Man fühlt sich als Liebhaber eines solch dreckigen film noir-Stoffes in dieser Umgebung einfach nur wohl und auf perverse Art und Weise geborgen.

Warum nun aber Mankos?

Andrea Berloff hat in diesem Film vergessen, eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen konzentriert sich die Regisseurin vielmehr darauf, in ihrem Film die weiblichen Aspekte der Unterdrückung im Reich des bösen weißen Mannes zu inszenieren, was tatsächlich auch relativ glaubwürdig funktioniert. Zumindest habe ich diese Absichten diesmal viel mehr abgekauft, als bei I am Mother.

Darunter leidet aber der Flow einer Erzählung. Hätte man sich hier mehr auf die Wut und raserische Ausgelassenheit gequälter Seelen konzentriert und versucht, eine Geschichte zu erzählen, wären diese Aspekte genauso gepflegt worden – mit dem Unterschied, dass der Kinozuschauer dann vor Zufriedenheit gegrunzt hätte. Denn der Film strotzt nur so vor Potenzial und guten Rahmenbedingungen – was für mich dann auch Grund genug ist, ihm tatsächlich einen Abend meines Lebens zu schenken, denn als “vertane Zeit” fühlt sich das definitiv nicht an.

Großartiger Cast in einer DC-Comic-Verfilmung, die sich leider nicht aufs Geschichten-Erzählen konzentriert, sondern die Frauenrechte stärken will und dabei ein wenig vom Weg abkommt. Dennoch ein großartiges Setting, das diesen Film definitiv sehenswert macht. Nutzt die Chance auf dem big screen.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Ist picturegeschnibbelt – man darf also gemütlich aus dem Saal.

Kinostart: 19. September 2019

Original Title: The Kitchen
Length: 102 Min.
Rated: FSK 16