Tag: Familie

Mulan

Mulan - Filmplakat
© 2020 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Mulan zählt zu den Phänomenen, mit denen so viele ihre Kindheit verbracht haben, und Disney arbeitet nicht erst seit gestern daran, all die Klassiker mit menschlichen Darstellern neu zu beleben und in dieses Jahrhundert zu überführen.

So auch mit Mulan, der inzwischen seinen langfristigen Corona-Arrest hinter sich hat und als große Hoffnung auf den Neustart galt … und ihn versemmelte. Dabei war die Vorarbeit so dermaßen grandios, dass sogar ich als großer Disney-Kritiker mit offenem Mund am Boden kniete und den Herren und Damen meinen Respekt zollen musste: Ja, alle bisher erschienenen Teaser und Trailer sind super großartig und erzeugen jedesmal Gänsehaut auf dem ganzen Körper, wenn sie in einem der immer noch fast leeren Kinosäle den Neuanfang ankündigten.

So viele haben sich drauf verlassen, dass Tenet den Beginn macht, als die immer wieder abgesprungen sind, lag die Hoffnung auf Mulan und zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Text hier schrieb, hatte ich noch nicht einmal mehr die Hoffnung, dass dieses Werk überhaupt je in einem großen Saal gezeigt werden würde (und die Vorbestellung zu Tenet längst in der Tasche).

Immerhin kann sich Disney mit seinem großartig gestarteten und klug inszenierten eigenen VoD-Portal immer elegant aus der Affäre ziehen, ohne sein Gesicht zu verlieren – getreu dem Motto: „Schaut her, was wir euch für großartigen Content im Vergleich zu anderen bieten… extra für das Portal designt und kreiert.“

Dabei gehört ein Werk wie dieses auf die Leinwände und sonst nirgendwo hin.

Und letztendlich ist es noch schlimmer gekommen, als ich gedacht hätte: Man hat den Leinwänden den Release versagt und ihn direkt zu Disney+ geschoben, aber nicht etwa so, dass die Abonnenten dieses vergleichsweise teuren Portals ihn dann einfach schauen können: Nein, man benötigt zu dem bestehenden Disney+ Abo zusätzlich nocheinmal Geld … und zwar saftige 21,99 €, um einen VIP Access zu erkaufen, der es dann erst ermöglicht, den Film tatsächlich abspielen zu können.

Was genau verdienen die Kinos daran? Genau: 0,00 €! Disney als Familienunternehmen, das traditionelle Werte vertritt und für ein gutes Leben plädiert? Am Arsch… wir lassen die kleinen Kinos einfach verrecken, wenn wir uns dann überteuert noch viel mehr Geld zu 100% in die eigenen Taschen stopfen können. Das ist laut deren Ansicht nun die „beste Option“, den Film zu releasen, und es reut mich, sagen zu müssen, dass ich einer der wenigen bin, die ihn jemals auf der Leinwand gesehen haben. Ich hätte es jedem einzelnen von euch gegönnt!

Aber zurück zum Plot: Über die Geschichte und etwaige Veränderungen brauchen wir nicht reden, die kommen immer wieder auf, seitdem irgendwer den großartigen Gedanken hatte, Grimms Märchenstunde neu zu interpretieren und den Zuschauern neuartigen Inhalt aus alten Geschichten zu backen.

Genauso wenig möchte ich an dieser Stelle über Animation vs. Humans diskutieren: Ich denke, das trägt nicht zur Debatte bei. Mulan zählt nämlich tatsächlich zu den Werken, die man sehr wohl im Kino gesehen haben darf, denn die Re-Interpretation kann sich sehr wohl sehen lassen und wurde ordentlich gemeistert.

Man spart weder an feinfühligen, asiatischen Nuancen, noch an Action und Bombast und lässt hier niemanden wirklich auf der Strecke. Das altbekannte „Jeden in der Familie zufrieden stellen“ funktioniert auch jetzt noch und liefert hier wirklich Unterhaltung, die jedoch von der großen Leinwand lebt.

Also bockt auf, was immer ihr findet, reißt die Leinwände in die Breite, donnert die Boxen hoch und lasst das Spektakel über euch ergehen: Enttäuscht zu werden fühlt sich in der Tat ganz anders an…….. Achnee, geht ja nicht, denn Disney möchte euch das ja lieber gerne vorenthalten. Ach scheiße verdammt… ähm … ja … also … äh …. keine Ahnung.

Gelungener Sprung in die menschliche Realität: Die Geschichte überzeugt nach wie vor und durch die unfassbaren Gelder und Talente im Hintergrund lässt auch die Umsetzung niemand im Stich: Lohnt sich, in einem Kino zu sehen: Und das möchte Disney euch gerne ersparen, denn etwas mehr Geld in den eigenen Taschen ist vieeel besser als ein zufriedenes Publikum!

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Die ersten Momente kann man ruhig noch mitnehmen, danach folgt die übliche Blackroll.

Kinostart: 4. September 2020 exklusiv auf Disney+ mit VIP Access für zusätzliche 21,99 € … und ab 4. Dezember 2020 gibts ihn dann inklusive des „normalen“ Disney+ zu sehen.

Original Title: Mulan
Length: 115 Min.
Rated: FSK 12

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Wir Eltern

Wir Eltern - Filmplakat
© 2019 Wfilm

„Jetzt reißt er wieder seine Fresse auf und dabei hat er überhaupt keine Ahnung…“

Stimmt – ich hab keine Ahnung, was Kinder, Kindererziehung, Familie und das ganze drumrum angeht, außer, dass ich selbst sechs Geschwisterchen habe und somit im „Pool der Unrühmlichkeiten“ auch ordentlich mitgemischt habe.

Eric Bergkraut hat einfach mal seine Family geschnappt, einen Wettbewerb vor Augen gehabt und einen Film kredenzt, in dem es um genau diese Dinge geht: Die Kinder tanzen den Eltern gerne auf der Nase herum und machen einfach ihr eigenes Ding, statt sich ordentlich zu benehmen und für den Rest der Welt ein Vorzeigesöhnchen und -töchterchen zu sein.

Gerade das dürften viele aus eigener Erfahrung kennen: Entweder als stummer Zuschauer an der Supermarktkasse – oder eben im eigenen Heim, was dann dauerhafter und nerviger sein dürfte 😉

Und genau da greift der Film auf humorvolle Weise ein Thema auf, dem sich viele erlegen fühlen und nimmt sowohl Kinder als auch Eltern unter die Fittiche und macht mit ihnen einen Ausflug ins „Was wäre wenn“-Land. Und das macht definitiv viel Spaß, weil man sich dabei so ganz flauschig in seine Nischenecke verkrümeln und mit einem Grinsen im Gesicht der Sache annehmen kann, ohne dabei selbst zu verzweifeln.

Das Zusammenspiel harmoniert zwischen den Darstellern im Allgemeinen sehr gut … und ich denke, das liegt nicht nur daran, dass sie auch im echten Leben (teilweise) eine Familie sind, sondern auch an ihren Fähigkeiten, eine Rolle wirklich überzeugend rüberzubringen.

Auch die lässige Art, hier verschiedene Erziehungsmethoden aufzugreifen und diese spielerisch auseinanderzunehmen, taugt mir sehr, denn der Film zeigt, wie das Leben die Momente oft mit eigenem Zynismus in die Hand nimmt und so ganz anders regelt, als man sich das vorstellt.

Dass all dies zugunsten eines Schmunzlers beim Publikum aufgelöst und verarbeitet wird, ist dann das Sahnehäubchen, dass jedem/jeder Einzelnen zusätzlich das Gefühl gibt, richtig in sein/ihr Kinoticket investiert zu haben.

Großartig, voller Humor, elterlichem Frust, pubertärem Entdecken und emotionaler Herzlichkeit: Diese Komödie baut ihren ganz eigenen Charme auf und übergibt ihn direkt ans Publikum.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Wir Eltern
Length: 98 Min.
Rated: FSK 6


Mina und die Traumzauberer

Mina und die Traumzauberer - Filmplakat
© 2020 Splendid Film GmbH

Bei Werken wie diesen bedauere ich manchmal die Vorurteilskraft der Allgemeinheit, die solche Optionen schon beim Hören des Titels müde beiseite wischt in der Annahme, „das ist nix für mich“.

Mina und die Traumzauberer zählt nämlich zu den wertvollen Schätzen einer Filmkultur, die nahezu als ausgestorben gilt, denn in dieser illustren Geschichte kämpft mal niemand gegen das Böse: Die klassische Gut-Böse-Kontroverse ist von dannen und man lässt das Leben im Sinne kindlicher Unschuld erblühen und bringt viel Fantasie, Kreativität und Einfallsreichtum aufs Tableau, so dass auch für Erwachsene das Schauen dieses Films sehr viel wertvolle neue Einblicke schafft und so manche Alteingesessenheit wieder zu beenden weiß.

Natürlich muss man dabei „übers Plakat stolpern“ und die Schritte gehen, bis man endlich im Saal sitzt, aber ich hab‘s nicht bereut und der Rest hatte ebenfalls wahnsinnig viel Spaß dabei.

Diese Form der Unterhaltung gehört durch den Besuch des Films honoriert, denn in diesen kapitalistischen Zeiten voller Mogule, Verschwörungen und dem Vergessen dessen, was einst mal wichtig war, wirkt Mina und die Traumzauberer wie eine Zeitreise, die all diese wertvollen Momente wieder zurückerobert und dem Zuschauer innerhalb eines wunderbaren Plots serviert.

Die Liebe für die Sache, die Hingebung an den Film und das leidenschaftliche Ausarbeiten eines hochwertigen, moralischen Gedankenguts steht hier an erster Stelle: Man hat das Gefühl, nicht bloß ein Kunde oder eine Zahl zu sein, sondern jemand, der auch von der anderen Seite der Leinwand her wieder wertgeschätzt wird.

Dieses unberührte, fröhliche und unschuldige Kreativsein, das dieser Film auf der Leinwand zurück zum Leben erweckt, ist der Allgemeinheit förmlich verloren gegangen. Die Suche nach Superlativen oder Boshaftigkeit spielt endlich mal überhaupt keine Rolle, sondern dieser Titel ist einfach nur wunderschön und erfüllt damit keine quälenden Anforderungen, sondern liefert etwas, dass sonst in der Filmwelt nahezu als ausgestorben galt. Darum nutzt die Chance und schaut ihn euch an, solange er noch zu haben ist.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hat noch ein paar Bilder, aber man braucht nicht bis zum Schluss hocken bleiben, hier folgt dann nichts weiter.

Kinostart: 4. Juni 2020

Original Title: Drømmebyggerne
Length: 78 Min.
Rated: FSK 0


Knives Out – Mord ist Familiensache

Knives Out - Filmplakat
© 2020 Leonine

Es muss nicht immer Agatha Christie sein, auch andere können gute Krimis erzählen und mit einem wunderbar professionellen, verwobenen Plot im Kino begeistern. Knives Out – Mord ist Familiensache ist nun schon eine Weile lang auf den Leinwänden zu sehen und hat bis heute noch nichts von seiner Attraktivität eingebüßt.

Herrlich verschroben mit immer neuen Türchen eröffnet sich hier puzzlehaft ein Rätsel, bei dem man mitraten und mitfiebern kann. In diese Richtung hätte ich mir übrigens The Gentlemen gewünscht!

Eine der treibenden PR-Kräfte ist selbstverständlich Daniel Craig, den ich als miesmuschelnden Bond-Charakter kennengelernt habe, der mehr mit „Mimimi“ beschäftigt war, als einfach seinen Job zu erledigen. Im Laufe der Zeit wanderten dann aber doch irgendwie alle CraigBond-Teile in meine Sammlung, weil die Sympathie so nach und nach durchgedrungen ist und ich ihn letztendlich als großartigen Schauspieler doch irgendwie mag.

Gleichsam betrachte ich ihn als PR-Coup in dieser Story etwas fehlbesetzt als Aushängeschild, da seinen Charakter irgendwie jeder hätte spielen können (was nicht heißt, dass er das schlecht gemacht hätte), aber es braucht nicht zwingend einen Daniel Craig, um diese Persönlichkeit im Plot darzustellen. Das ändert auch nichts an dem ansonsten hochkarätigen Cast, der durch die Bank weg hervorragende Schauspielarbeit abliefert und den Zuschauer hier mit Durchtriebenheit und Eleganz zu verblüffen weiß.

Wer also noch nicht das Vergnügen hatte, darf sich gerne in eines der Lichtspielhäuser verzupfen und diese Gelegenheit nachholen: Es ist definitiv kein Fehler, diesen Streifen auf der Leinwand gesehen zu haben.

Es muss nicht immer Agatha Christie sein, dieser Krimi ist mindestens genauso spannend und absolut hochkarätig besetzt – ein Spaß auf der Leinwand, den man sich gerne zu Gemüte führen darf.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht zwingend ausharren, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 2. Januar 2020

Original Title: Knives Out
Length: 131 Min.
Rated: FSK 12


Ip Man 4: The Finale

Ip Man 4: The Finale - Blu-ray Packshot
© 2020 Koch Films

Auch, wenn sich der Name in der asiatischen Filmgeschichte längst einen Namen gemacht hat – für alle anderen hier nochmal ein kurzer Rückblick:

2008 startete man mit dem ersten Ip Man, zwei Jahre später folgte dann Ip Man 2 und 2015 wurde die Reihe mit Ip Man 3 fortgeführt.

Die Geschichte des echten Ip Man wurde zudem noch mit weiteren Filmen gekürt, die jedoch mit der Original-Reihe nichts am Hut haben: Ip Man Zero, Ip Man: The Final Fight und Master Z: Ip Man Legacy.

Letztes Jahr kam dann Ip Man 4: The Finale ins Kino, der wiederum an die ersten drei Teile der Original-Filmreihe anschließt und diese auch vervollständigt.

Dank der „Krise“ haben Kinoliebhaber nun die Chance, alte Streifen wieder auf den großen Leinwänden bewundern zu dürfen, denn man bringt vieles aus der „Already published“-Kiste wieder zum Vorschein und lässt es erneut über die Beamer der Kinos flimmern: Zu unser aller Freude.

So auch geschehen mit Ip Man 4: The Finale, der die Chronologie mit einem Paukenschlag beendet und an die modernen Gepflogenheiten der westlichen Hemisphäre anschließt und altbekannte (und -berüchtigte) Bruce Lee-Action zurück auf den großen Screen wirft.

Ich für meinen Teil habe damals Master Z: Ip Man Legacy bewundern dürfen und war recht angetan von den durchchoreografierten Vibes, die dieser Film im Großmaß versprühte.

Ip Man 4: The Finale hält sich hier wieder etwas mehr zurück und devotiert sich der chinesischen Machthaber-Strategie, die Ideologien dieses Landes weltweit vertreten zu sehen, auch wenn man sich jetzt in westliche Gefilde vorbewegt. Dennoch haftet dem Film eine zu sehr offensichtliche Regierungspolitik an, die eben das ethische Wesen Chinas nicht wirklich repräsentiert, sondern zu sehr auf politische Interessen schielt.

Das dürfte die Fans asiatischer Kampfkunst aber recht wenig scheren, denn der Spirit Lees ist auch hier allgegenwärtig und versprüht seinen üblichen Leinwandcharme, als wäre nie etwas gewesen.

Als Fan dieser Geschichte / Filmreihe sollte man definitiv die Chance nutzen und die Magie des Kinos wieder wirken lassen: Nichts kann einen Film besser umschlingen, als die großen, düstren Weiten eines gemütlichen Kinosaals.

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Im Stile von Final Destination gibt man sich nochmals die Ehre, nach der Blende auf die bekannte Textroll kann man den Saal verlassen, hier folgen dann keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 05. März 2020
Heimkinostart: 17. September 2020

Original Title: IP Man 4: The Finale
Length: 105 Min.
Rated: FSK 16


The Wild Pear Tree

The Wild Pear Tree - Filmplakat
© 2020 Kinostar Filmverleih GmbH

Dieser Film macht vor Beginn bereits mit satten 188 Minuten Laufzeit eine Ansage, die ihn schlagartig ins Milieu des Genrekinos befördert, das sich sein eigenes Publikum aussucht und von einer die Gesellschaft durchstreifenden Befriedigung nichts wissen will.

Und die Zeit, die es vom Besucher abfordert, nimmt sich der Film selbst auch und zelebriert in jeder Szene ganz ruhig sein eigenes Wesen. Der Effekt: Man kann nahezu naturgetreu in die Story eintauchen und spürt das Wesen, dass die Schreiber der Story vorwärts trieb. Man merkt sehr schnell, dass es hier weder um Action, Blödelei oder andere Dinge geht, die man hierzulande normalerweise aus dem türkischen Kinosegment kennt. The Wild Pear Tree säuselt auf einer ganz anderen, melodramatischen Schiene und nimmt sich dabei auch der sanften Züge der Natur an. Untermalt in wunderschönen, warmen Brauntönen zeichnet der Regisseur Nuri Bilge Ceylan hier ein Bild der modernen Türkei und setzt sich mit den modernen Fragen des Seins auseinander.

Der Spirit von intellektueller Philosophie ist stets allgegenwärtig, auch wenn man dabei nicht in für den Zuschauer stets abgehobene, nicht nachvollziehbare Sphären abdriftet, sondern immer wieder am Leben der heutigen, heranwachsenden Generation orientiert bleibt.

Damit generiert man auch für alle anderen eine Aura der Selbstfindung, die sich in immer neuen Pointen widerspiegelt, in die der Film im Verlauf der Zeit vordringt und sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Nach diesem abendfüllenden Werk kann man mit Fug und Recht behaupten, durchsättigt zu sein, denn man tritt mit einer gewissen Schwere den Gang nach Hause an, die jedoch alles andere als negativ ist. Man könnte sagen: The Wild Pear Tree ist eine herausfordernde Aufgabe, die einen während der Durchführung keineswegs alleine lässt, sondern stets umhüllend und liebevoll begleitet und zu einem wunderbaren Ende findet, das in einer gewissen geistigen Befriedigung mündet, die genau diesem Genre gewachsen ist und seine Liebhaber wesentlich mehr erfüllt, als Besucher des Mainstream-Kinos.

Mit 3:08 h ist The Wild Pear Tree ein Film, auf den man sich wirklich einlassen muss und der den ganzen Abend für sich beansprucht. Getaucht in zarte Töne, warme Farben und hochsensible Empfindungen durchstreift man hier die Selbstfindung und orientiert sich dabei an der türkischen Moderne. Ein Film, der Zeit braucht, sein gezielt ausgewähltes Publikum aber auch nicht enttäuscht.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Aufstehen erlaubt, hier folgen keine weiteren Szenen oder Bilder.

Kinostart: 18. Juni 2020

Original Title: Ahlat Ağaci
Length: 188 Min.
Rated: FSK 6


After the Wedding

After the Wedding - Filmplakat
© 2019 Telepool

2006 – Nach der Hochzeit. Susanne Biers. Bevor ihr fragt. Ja. Hat’s schonmal gegeben. Ist aber nicht weiter schlimm. Und sollte euch auch gar nicht interessieren.

Denn so erfreulich die originalgetreue Übersetzung ins Englische (hä? :D), so erstaunlich geil der Film! Julianne Moore und Michelle Williams hauen hier ein Charakterportrait raus, das euch seelisch schockfrosten lässt vor Erstaunen und Verblüffung. Der gesamte Film trägt einen mit einer dermaßen ruhigen, erzählerischen Wucht durch die Zeit und obliegt dabei nur seinen eigenen Regeln.

Die werden von meiner Zeitungs-Elite natürlich wieder stark kritisiert, haben für mich in dem Film aber so wunderbar funktioniert, dass ich quasi geistig niedergeschlagen erstarrt im Stuhl saß wie die Maus vor der Schlange.

Selten habe ich eine solche Intensität und durchdringende Gefühlswelt auf der Leinwand erlebt, bei der der Anschluss ans Massenphänomen einfach gepasst hat: Man muss hier mit Klischees arbeiten – anders funktioniert das nicht, und ehrlich gesagt: Anders wollte ich es gar nicht.

Dafür bekommt man inhaltlich dermaßen eins auf die Zwölf, dass dir Hören und Sehen vergeht. Und wann habt ihr zuletzt schon mal einen Film gesehen, dessen Stärke tatsächlich Inhalt war?

Dazu kommt, dass auch vom Cast her hier alles perfekt matcht: Die Bewegungen, die Grazilität, das sanfte Umherschwirren der zarten Seelen und Eindrücke wird so rührend wiedergegeben: Gebt mir ein Bett, das aus diesem Film besteht, und ich werde niemals wieder daraus aufstehen.

Eine gewaltige Explosion von Zärtlichkeit, Harmonie und intensiven Gefühlen. Ein Naturschauspiel menschlichen Talents, das man auf keinen Fall verpasst haben darf!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 17. Oktober 2019

Original Title: After the Wedding
Length: 110 Min.
Rated: FSK 6


Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot!

Ready or Not - Filmplakat
© 2019 Twentieth Century Fox

Tipp: Schaut euch nicht den Trailer an: Der verrät nahezu alles … auch, dass dieser Titel ein Heidenspaß auf der Leinwand werden wird, den man definitiv nicht verpassen sollte.

Kategorie: Horror >> Lasst euch davon nicht in die Irre leiten. Ich würde eher sagen: “Bride-Komödie blutigen Ausmaßes”. Denn tatsächlich erwirkt der Film sehr viel mehr Lachmuskeltraining, als er Schockmomente einsetzt – und selbst die sind wiederum in höchstem Ausmaß einfach witzig.

Allein für die Idee gehört den Machern eine Packung Kekse zugeschickt: So geil ausgedacht und inszeniert, dass man zwar froh ist, dass die FSK hier doch kein grünes Siegel vergeben hat, aber dennoch aus dem Spielewahnsinn nicht raus kommt und sich dabei fühlt wie ein kleines Kind: “Juppie – und noch einmal” 🙂

In der Sneak Preview kam bei einigen das Ende nicht ganz so gut an, aber auch das enthält Bilder majestätischen Ausmaßes, die fast schon an Tarantinos Grindhouse-Feature erinnern und somit absolut sehenswert sind. Und ich fand die “Wendung” persönlich auch allererste Sahne … weil’s Teil des ganzen Films ist, der damit am Schluss bestens aufgelöst wird.

Mit wehmütigem Herzen in die Zukunft blickend, da Twentieth Century Fox bald nicht mehr selbst produziert, sondern sich mit einem dieser karachoähnlichen Gongschläge ins Nirvana verabschieden wird … genießt die Show bis tief in die Nacht hinein.

Großartiger Spaß, der weit über die Stränge schlägt und damit Vernunft und Anstand hinter sich lässt, ohne dabei seine Contenance zu verlieren: Toll besetzt, grandios gespielt und für die Idee gibt’s noch nen Extrakeks! Reingehen!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht abwarten, Spiel beenden erlaubt.

Kinostart: 26. September 2019

Original Title: Ready or Not
Length: 95 Min.
Rated: FSK 16


Die Wurzeln des Glücks

Die Wurzeln des Glücks - Filmplakat
© 2019 StudioCanal

Schaut mal auf das Plakat und findet das Schwein … und ruft euch dann ins Gedächtnis, dass dieser Film im Original Holy Lands heißt: Das heilige Land… also Israel. Warte mal, Judentum und Schweinefleisch? War da nicht etwas?

Genau. Hier haben wir direkt den Einstieg ins Business dieses Films, der sich exakt mit diesem Fakt auseinandersetzt und dies auf ironisch-komisch und gleichsam verstörende Art und Weise zu einem Religions-Clash zusammenmischt, bei dem am Ende niemand mehr wirklich den Durchblick hat und man noch verstörter von dannen zieht, als man schon gekommen ist.

Dass hochkarätiger Cast an Land gezogen wurde, trägt u.a. dazu bei, dass dieser Film dennoch seine Daseinsberechtigung hat: James Caan (von mir geliebt in Misery) neben Tom Hollander (nicht zu verwechseln mit Tom Holland (ohne -er) – dem Spider-Man der Neuzeit) und Jonathan Rhys Meyers (bekannt u.a. aus der TV-Serie Vikings) sorgen hier für ziemlich aufwühlende Begegnungen, die teils satirisch, teils bissig-zynisch, teils beschämend und verletzend, teils aber auch vorbildlich auf unterschiedliche Kulturen und Religionen hindeuten und ihre eigene Interpretationsmöglichkeit von Zusammenleben ermöglichen.

Dabei hapert es ein wenig an der Ernsthaftigkeit, mit der z.B. ein Atheist diesen Film sehen könnte: Hier schwingt immer ein wenig die übernatürliche Unglaubwürdigkeit im Raum mit, was den Fokus dann auf Dinge wie Zwischenmenschlichkeit lenkt, weil man entweder mit abgedroschenen Phrasen abgespeist oder mit zu viel Informationsbombardement in den Aufmerksamkeits-Tod geschickt wird.

Ich hab mich mal umgehört bei denen, die den Film schon gesehen haben und bekam als Antwort, dass sie den familiären Aspekt wichtiger fanden, trotz kultureller und religiöser Unterschiede miteinander klar zu kommen und dabei Glaubensfragen eher in den Hintergrund gerückt wissen wollten.

„Ich sehe da eher das gesetztere, leicht konservative Publikum Mitte 40, die einfach mal ARD-Kost im Kino sehen wollen. Bei den meisten Filmen, die bei diesen Sendern laufen, muss man keinen Sinn oder etwas davon mitnehmen, trotzdem fühlt sich deren Zielpublikum unterhalten und hat daran seinen Spaß.“

Und da fährt das Movie tatsächlich auch einige ganz komische Momente auf, die insgesamt aber etwas zu sehr in die Länge gezogen wirken und darum den „Heidenspaß“ etwas verpuffen lassen.

Israel kommt als Land immer mehr in den Fokus der Leinwand – auch in Deutschland. Holy Lands spielt einmal mehr mit den kulturellen Religionen Mischmasch, punktet dabei am Ende aber in einer ganz anderen Liga. Gutes Mittelmaß.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht abwarten, es kommt nichts weiter.

Kinostart: 05. September 2019

Original Title: Holy Lands
Length: 100 Min.
Rated: FSK 6


Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo!

Mein Lotta-Leben - Filmplakat
© 2019 Wild Bunch

Mein Lotta Leben wurde bereits in 33 Sprachen übersetzt … ein Erfolg, der innerhalb des Lotta-Universums mit inzwischen über 3,8 Millionen verkauften Exemplaren geradezu nach einem Film schreit.

Und der ist phänomenal geworden.

Yup, ich hatte anfangs ein paar Schwierigkeiten, in die Materie einzutauchen, weil mir die Machart anfangs nicht zusagte. Dieser Umstand ist aber bald vergessen und dann sitzt man nicht nur als Zielpublikums-Kiddo, sondern auch als Familienoberhaupt mit im Kino und freut sich über diesen Kinderbuch-Gaudi. So andersartig die Machart der Präsentation am Anfang des Films wirkt, so sehr gehört sie am Ende einfach dazu und man kann sich nicht mehr vorstellen, dass es anders hätte produziert werden können.

Damit erachte ich diesen Film als absolut gelungen an und lege euch ans Herz, ihn wirklich zu schauen – denn die Art ist tatsächlich mal völlig anders, als man Kinderfilme sonst so kennt.

Spaßiges Adventure, viel irrsinniger Humor und für Kinder als auch für Erwachsene gut herausgearbeitet. Als Familienfilm absolut zu empfehlen.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 29. August 2019

Original Title: Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo!
Length: 95 Min.
Rated: FSK 0