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Exil

Exil - Filmplakat
© 2020 Alamodefilm

Exil ist ein schöner, kleiner, unscheinbarer Reigen, hinter dem sehr viel mehr steckt, als es anfänglich den Eindruck macht. Der Zuschauer sollte sich nicht von der Simplizität des Posters oder dem kurzen Titel täuschen lassen.

Nach typischer – ich möchte sagen – arte-Manier startet man die Charaktereinführung und wirft immer mehr Fragen in den Raum, die sich irgendwann im Dunst der Ahnungslosigkeit verzweigen und sowohl bei den Protagonisten, als auch beim Publikum immer mehr “Hä”-Momente entstehen lassen.

Regisseur Visar Morina steigt währenddessen immer tiefer in das undurchschaubare Geflecht menschlicher Gedanken und hinterlässt dabei überall kleine Hinweise und Momente, die beim aufmerksamen Zuschauer interessante Fragen aufwerfen sollten.

Für mich trifft er direkt ins Schwarze und erhebt quasi eine filmisch-analytische Studie über gedankliches Versagen und die Irrwege, in die uns manches Mal voreilige Schlüsse leiten.

Etwas gestört hat mich dabei, dass man sich an zu vielen Stellen einfach zu viel Zeit lässt und die Szenen derart auskostet, dass nach ungefähr der Hälfte des Films bei mir manchmal der Wunsch aufkam, “die Werbung vorzuspulen” um endlich den Film weiter sehen zu können. Hier hätten ein paar mehr Schnitte dem Gesamteindruck und der “Schnittigkeit” des Films gut getan. Dafür hat man an anderer Stelle tatsächlich herausragend gut gearbeitet und auf viele kleine, unwichtige (aber professionelle) Details in der Continuity geachtet, die wiederum zeigen, dass sich die Filmemacher das Projekt wirklich zu Herzen genommen haben und nicht einfach nur abliefern wollten.

Die Auflösung ist tiefgründig, auch wenn sie meines Erachtens geistige Eigenleistung und einiges an Zeit erfordert. Im Kino steht man zunächst mit einem “Ja, und jetzt?”-Gedanken auf und weiß erstmal nicht wirklich was mit sich anzufangen.

Im Nachgang ergibt sich dann aber sehr vieles – ein Film, für den man einfach ein wenig Zeit braucht und der nicht im Vorbeigehen angesehen werden sollte. Genehmigt euch doch hinterher noch ein Glas Wein und diskutiert die Sache aus?

Ich hätte an vielen Stellen zusätzlich nochmal die Schere angesetzt, da einige Szenen tatsächlich gefühlt viel zu lange ausgemalt wurden, bevor es im Plot weitergeht, die Aussage und das durchdachte und bis ins kleinste Detail durchgeplante Plotwunder entpuppt sich am Schluss aber als echter Geistesbrocken mit einigen überraschenden Twists.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Beinhaltet keine weiteren Szenen mehr, vorzeitiges Saalverlassen wird diesmal also auch nicht abgestraft.

Kinostart: 20. August 2020

Original Title: Exil
Length: 121 Min.
Rated: FSK 12


Late Night

Late Night - Filmplakat
© 2019 Entertainment One Germany GmbH

Nichts ist so, wie es scheint. Kein Medium könnte diese Aussage besser verkörpern als die Scheinindustrie, die seit Jahren dafür sorgt, dass auf den Bildschirmen alles glitzert und glänzt, während es in dem Stall dahinter ganz anders zugeht.

Prominente Beispiele dafür haben wir in den letzten Jahren einige gehabt – respektive die Enthüllung des Schleiers, den man in Form von Displays und Leinwänden gerne darüber legt. Nichts ist spannender, als hinter die Kulissen dessen zu blicken, was alle Welt als „offensichtlich“ betrachtet und ein klein wenig zu verstehen, wie diese unglaubliche – und unsteuerbare – Maschinerie funktioniert.

Nehmen wir doch einfach mal Late Night. Ein wunderbares Thema, dem viele keine großartige Aufmerksamkeit mehr schenken und zu dem jeder irgendetwas zu sagen hat. Mein letzter „großer“ Late-Night-Talker war Stefan Raab, zu dem Mann würde ich am liebsten mal ein Buch veröffentlichen, um all meine Gedanken und Empfindungen darin niederzuschreiben und sie in pressbare Form zu Papier zu bringen, einfach, damit in meinem Schädel wieder genug Platz ist.

Viele klammern sich hierzulande auch an Harald Schmidt, den ich mehr oder weniger nur noch bei seinem Sky-Absturz erlebt habe und niemals in der Hochblüte seiner Zeit – ich fand die Sidekicks immer doof, was mich in den meisten Fällen zum Umschalten gezwungen hat.

Zudem sind wir auch nicht unbedingt das Land für Late Night, diese Form der Unterhaltung ist in den USA viel präsenter und bestimmt dort in vielen Haushalten das Abendgeschehen bzw. begleitet in ungezwungenerer Weise das Ableben der Tage vieler Einwohner dieses Landes. Weniger Seriösität, mehr Quatsch, viel Humor und einfach „eine gute Zeit“ – das ist das Image, in dem sich Late Night gerne präsentiert.

Doch dahinter verbirgt sich ein knallhartes Business. Wer weiß schon, weshalb Raab wirklich gegangen ist? Wer weiß, wieviele Tränen für einen unbeachteten Lacher im TV geflossen sind? Wer kennt schon die genauen Gründe – und vor allem: Wen interessiert’s?

Late Night wird vom Zuschauer wohl in erster Linie mit der herausragenden Emma Thompson in Verbindung gebracht, die man von vielen Shows kennt, als „Vorzeigefrau“ auf die Bühne stellt und die natürlich eine unglaubliche Ausstrahlung und Würde vermittelt, die sie im Showbusiness groß gemacht hat. „Das ist der Film mit Emma Thompson“ ist ein nicht selten fallender Satz, wenn’s um diesen Titel geht. Und wie heißt der Co-Star?

Selbsttest geglückt?

Ja, es ist eine Frau (schreibt man hier dann: Co-Starin?) und ihr Name lautet? Mindy Kaling.

Diese Dame hat nicht nur die „Nebenrolle“ gespielt, sondern auch eine Riege an hochkarätigen Mitspielern zusammengetrommelt, das Ding produziert und: das Drehbuch geschrieben.

Wenn man also so möchte, dann ist es „ihr Film, in dem Emma Thompson nur mitspielt“. Und damit sind wir schon voll im Thema, um das sich Late Night kräuselt: Die Bande der Display-Schutzwälle zerbrechen und einen ungenierten Blick hinter die Kulissen zu werfen, die mehr oder weniger alles zeigen, außer das, was unsereiner auswendig aus den TV-Formaten kennt.

Dazu addiert man dann eine herausragende Schauspielgröße wie Emma Thompson, stellt sie an die Seite von Mindy Kaling und genießt das Ensemble der aufeinandertreffenden Welten. Dass derartige Ideen und Situationen nicht einfach an den Haaren herbeigezogen, sondern vielmehr aus der Wirklichkeit gegriffen sind, hat die Welt durch den #metoo-Skandal gravierend erlebt: Da ist das Kartenhaus in sich zusammengebrochen und der Schleier wurde zu Ungunsten einiger Herrschaften prächtig gelüftet.

Natürlich ist und bleibt Thompson weiterhin das Hauptaugenmerk, wenn’s um Gründe dafür geht, die einen ins Kino treiben sollen – und auch auf den Leinwänden wird dieser Film niemanden groß vom Hocker reißen, dafür wurden Drehbuch & Co. gar nicht ausgelegt.

Es ist ein Film, der von Herzen kommt, der ein „Freiwilliges Mitmachprojekt“ der Schauspieler*innen sein soll und den man sich deshalb gerne in seiner ureigensten Form – als „Late Night“-Unterhaltung – zu Gemüte führen darf.

Das aber bitte dann auf der großen Leinwand – und nicht im heimischen Schlafzimmer.

Ein ungetrübter Blick hinter ein knallhartes Business, mit herausragenden Schauspielgrößen und viel Gefühl und emotionaler Wärme. Sehenswert!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht zwingend aussitzen, hier folgt keine Zugabe.

Kinostart: 29. August 2019

Original Title: Late Night
Length: 102 Min.
Rated: FSK 0