Tag: Rettung

The Old Guard

The Old Guard - Filmplakat
© 2020 Netflix

Ein Titel, nach dem ich in letzter Zeit tatsächlich öfters gefragt werde – und bevor ihr anfangt zu nerven, gibt’s die Kritik dazu 😀

Meinen Zwiespalt zu Netflix und anderen VoD-Portalen im Vergleich zu Kino kennt ihr: In meinen Augen gibt es NICHTS, dass Kino gleich kommt. Viele Titel erleben überhaupt erst ihre Geburt dadurch, dass man sie tatsächlich auf einer großen Leinwand sieht.

Kürzlich noch habe ich (weil die jetzt auch wieder auf die Leinwände gebracht werden) mit einem über die Der Hobbit-Trilogie gesprochen und er meinte, dass die im Vergleich zu den Herr der Ringe-Teilen extrem langweilig und lahmarschig wären und man nichts verpasst hätte, wenn man die nicht kennt.

Ich hab mir tatsächlich die Mühe gemacht und mir das Ding auf der Leinwand reingezogen und kann seine Aussage damit herrschaftlich dementieren: Genau das ist das Problem mit illegalen Videoportalen, komischen Streaming-Anbietern … und eben auch Netflix: Die Qualität und das gebührende Umfeld für die Entwicklung und Entfaltung einer großartig erzählten Geschichte ist nirgendwo so gegeben wie in einem Kinosaal. Diskussionsfrei.

Ich weiß nämlich, dass dieser jemand sehr gerne Filme streamt und sehr wenig ins Kino geht – und bin immer wieder überrascht, wie schlecht man manche Werke dann einschätzt, wenn sie auf einem 22 Zoll-Monitor geschaut werden.

Nun kam Netflix aber mit einer ziemlich ausgefuchsten Idee daher: Die haben unfassbar viel Geld gesammelt und ziemlich wenig Mitspracherecht dazu gebündelt, sondern den Leuten die Kohle in die Hand gedrückt und gesagt: Macht mal, wir bringen das dann schon raus. Ergebnis? Unglaublich kreative, neue, frische Luft auf den Displays, weil die ganzen Independent-Fanatiker nun endlich eine Plattform (und die nötigen Mittel) in der Hand hielten, um ihre Geistesblitze Realität werden zu lassen. Und dafür hab ich Netflix tatsächlich geliebt.

Die Medienmogul-Macht Hollywoods schien gebrochen und man konnte sich an immer toll umgesetzten, neuen Machwerken erfreuen, die das konservative Bild des klassischen Films vehement durchbrochen haben und somit eine völlig neue Coolness erschaffen wurde, die auch ich tatsächlich regelmäßig vergöttere.

The Old Guard liefert nun ein komplett anderes Bild. Inzwischen hat man bei Apple TV+ z.B. auch begriffen, dass Inhalte her müssen, die über den Tellerrand solcher Nischenbildungen hinaus gehen und investiert wieder unglaubliche Summen, um hochkarätigen Cast an Land zu ziehen, mit dem man die gewünschten Umsätze generieren kann. Dies tut nun auch Netflix – und ich hatte von Anfang an das Gefühl, man wirbt nicht mehr mit geilen Inhalten, sondern viel mehr mit Charlize Theron – und das meine ich völlig unpersönlich. Ich mag die Frau und habe viele Filme mit ihr sogar in meiner Filmsammlung, jedoch hatte ich beim Sichten von The Old Guard das Gefühl, Netflix opfert seine Genialität zugunsten von „Na, wir haben jetzt ja Prominenz, dann brauchen wir uns nicht mehr anstrengen.“

Und dieser Schuss könnte der Anfang vom Ende sein und einen Krieg auf die Plane rufen, der am Ende wieder Einheitsbrei und Langeweile bedeutet: Niemand braucht ein zweites Hollywood.

Dabei sind die Idee und Ansätze des Drehbuchs nämlich durchaus brauchbar und liefern Hoffnungen auf eine weitere, großartige Geschichte: Die ist aber ziemlich schnell begriffen und bietet für Vielschauer wie meiner einer keine Wow-Momente, die einen tatsächlich vom Hocker hauen, sondern zieht sich halt mehr schlecht als recht durch die Laufzeit, um am Ende – ganz hollywoodlike – auf eben jene Vorahnungen hinauszulaufen, wie man es bereits aus dem klassischen Kino kennt. Und genau das macht mir an dieser Stelle tatsächlich Angst, denn ich hätte mir die Entwicklung genau andersherum gewünscht: Dass Netflix seine Vormachtstellung und Ressourcen nutzt, um im Kino den Wind wieder etwas aufzufrischen und die bislang grandiosen Titel dann auch auf die Big Screens bringt.

Man hat irgendwie das Gefühl, durch die vorhandene Prominenz büßt Netflix das Vorrecht auf Geilheit ein wenig ein und meint, sich nicht mehr richtig anstrengen zu müssen. Idee und Konzept gut, aber so richtig zündet man damit nicht.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Kann man gleich weiter klicken, hier folgt nichts weiter.

Streaming auf Netflix: 10. Juli 2020

Original Title: The Old Guard
Length: 125 Min.
Rated: FSK 16


Chaos auf der Feuerwache

Chaos auf der Feuerwache - Filmplakat
© 2020 Paramount Pictures Germany GmbH

Schon auf dem Plakat lässt sich erahnen: Auch dieser Film richtet sich an die Familie und bedient dabei eher das jüngere Publikum, wobei man jetzt ausdrücklich behaupten kann: Der Blödelei-Faktor ist zwar hoch angesiedelt und driftet teilweise auch in die Lächerlichkeit ab, jedoch zünden viele Gags innerhalb dieses Abenteuerspektakels und sorgen somit eben bei besagten Familien-Küken für jede Menge Vergnügen.

John Cena und seine Crew machen sich hervorragend und die angesetzten Running Gags ermüden zwar im Verlauf des Films ein wenig und auch über Realismus-Verträglichkeit brauchen wir nicht reden, jedoch versprüht dieser Film jede Menge gute Laune und ist im 14:00 Uhr-Programm wahnsinnig gut aufgehoben.

Hier hat man ordentlich schöpferischen Wumms in die Kanonenrohre gepackt, die man im Verlauf des Films immer wieder mit Getöse explodieren lässt – und dabei eben auch oft den Kern des Humors trifft, der auch bei erwachseneren Menschen für Vergnügen sorgen kann.

Mit Comedy ist es nach wie vor eine problematische Sache: Kaum etwas ist so schwierig zu drehen, wie Komödien, nicht nur, weil das Pensum zwischen „Find ich nicht komisch“ und „find ich nicht mehr komisch“ unfassbar eng geschnallt ist und die Zeiger dabei je nach Publikum in die verschiedensten Richtungen ausscheren und es – behaupte ich einfach mal – nahezu unmöglich ist, etwas zu generieren, das wirklich ausnahmslos alle zum Lachen finden.

Chaos auf der Feuerwache hatte jetzt aber genügend Szenen, die auch mich unweigerlich zum Lachen gebracht haben und bei denen grundsätzlich im Saal kein Auge trocken blieb. Allerdings heftet auch an manchen Stellen das Prädikat „Etwas zu übertrieben“.

Hat urkomische Szenen, sorgt für viele Lacher, dreht dabei aber auch sehr auf und übertrifft manchmal bei einigen ein wenig den Zenit des Erträglichen. Insgesamt aber eine gute, unterhaltsame und kurzweilige Story, die gerade in Familienkreisen für jede Menge Gaudi sorgen dürfte.

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Sitzen bleiben – hier werden noch jede Menge Outtakes zum Besten gegeben 😉

Kinostart: 27. Februar 2020

Original Title: Playing with Fire
Length: 96 Min.
Rated: FSK 0


#RettetDasColosseum

Nein, es geht nicht um Corona. Nein, dies ist keine „weitere Schließung von noch einem Kino, dass es nicht geschafft hat“. Die Umstände sind tatsächlich etwas verzwickter.

Aber der Reihe nach:

Anfang der 1920er Jahre (also wieder rund 100jähriges Bestehen) entschloss sich ein gewisser Fritz Wilms, das damalige Gebäude in Berlin Prenzlauer Berg zu einem Kino umzurüsten.

Dann folgte eine lange, kulturelle Geschichte, man überlebte den zweiten Weltkrieg, wurde privatisiert, saniert, steht unter Denkmalschutz, wurde als gemeinsame Betreibergesellschaft mit der CinemaxX AG fortgeführt und anschließend durch die Firma UCI übernommen und betrieben.

Nun kommt Corona und plötzlich verkündet man das Aus des Kinos und meldete am 22. Mai 2020 (laut Wikipedia.de) Insolvenz an.

Doch da ist nicht alles koscher, zumindest macht es auf mich absolut nicht den Eindruck.

Mir liegt eine Pressemitteilung vor, in der es heißt, dass der Antrag auf Insolvenz bereits am 20. Mai 2020 gestellt wurde und dass die Mitarbeiter*innen eine Woche später über die bevorstehende Schließung informiert wurden.

Außerdem wurden hier einige Punkte aufgeführt, die „Corona“ als angegebene Begründung zumindest fragwürdig erscheinen lassen, denn finanzielle Unternehmenshilfen im Bezug auf Corona wurden nicht beantragt, was ja schon mal sehr merkwürdig erscheint.

Außerdem wurde verlautbart, dass das Haus nicht weiter als Kino fortgeführt werden soll, sondern bereits im September 2019 ein Bauvorbescheid für das Grundstück beantragt wurde mit dem Wunsch nach „Neubau und Überbauung des Grundstücks „Colosseum“ mit Büronutzung im Umfang von 15960 qm Gewerbefläche“. Diesem Antrag wurde scheinbar stattgegeben.

Tatsache ist auch, dass das Kino – wie die meisten anderen Kinos in Deutschland ebenso – am 02. Juli 2020 seinen Spielbetrieb wieder hätte aufnehmen wollen und können, selbst die Hygiene- und Abstandskonzepte waren bereits vollständig ausgearbeitet.

Stattdessen werden die (ehemaligen) Mitarbeiter*innen an diesem Tag ihre Trauer öffentlich vor dem Gebäude veranstalten und laden hierzu Sammy Brauner, Pressevertreter*innen und lokale Politiker*innen ein, mit ihnen in den Dialog zu treten.

Im Klartext heißt das: Es sieht stark danach aus, dass Corona hier als „Vertuschungsgrund“ genutzt werden soll, um längst abgesegnete Bauvorhaben öffentlichkeitswirksam umsetzen zu können und hierbei den Menschen vorgegaukelt wird, dass das Kino einfach durch die Corona-Krise betroffen sei.

Dem gegenüber steht, dass im Geschäftsjahr 2019 das Colosseum dank 350.000 Besuchern einen positiven Geschäftsabschluss verzeichnete und die gerade einmal 10 Wochen dauernde Schließung des Hauses dadurch wohl kaum den Ruin bedeuten könne. Die Mitarbeiter*innen zweifeln dies auf jeden Fall stark an.

Dazu kommt, dass das Kino als Publikumsmagnet in dieser Region auch weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zieht, da umliegende gastronomische Einrichtungen und Kiezläden von den Kinobesuchern profitierten und dies ein attraktiver Standort ist, um Touristen und Einheimische anzulocken.

Alles in allem eine sehr heikle und – auch für mich als absoluten Cineasten und Kino-Fan – bedauerliche Entwicklung, da gerade Häuser, die auf solch eine Zeitspanne zurückblicken, immer viel über die Geschichte der Stadt und auch des stark mit Berlin verwobenen Films erzählen können und definitiv erhalten bleiben sollten.

Wer gerne auf diese seltsamen Missstände aufmerksam machen möchte, kann seinem Unmut darüber gerne in den sozialen Netzwerken oder anderweitig im Internet Gehör verschaffen – nutzt hierfür bitte den Hashtag #RettetDasColosseum

Selbstverständlich sind auch alle dazu eingeladen, sich am 2. Juli 2020 mit den Mitarbeiter*innen zu solidarisieren und bei Politik und Geschäftsinhabern um Gehör zu bitten, so dass eine andere Lösung gefunden werden kann als die endgültige Schließung des Komplexes.

Sämtliche Angestellte haben nämlich längst in ihrer letzten Betriebsversammlung am 19. Juni 2020 einstimmig beschlossen, den Spielbetrieb fortführen zu wollen.

Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, dass dies wieder möglich wird.

#SaveTheColosseum
#RettetDasColosseum


Kursk

Kursk - Filmplakat
© 2019 Wild Bunch

Das Jahr 2000 ist irgendwie noch gar nicht so lange her, und dennoch sind schon wieder fast 20 Jahre vergangen, seit sich im Barentssee diese Ereignisse zutrugen.

Kursk ist die Verfilmung des Buches von Journalist Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, das die tragischen Ereignisse dieses Manövers beleuchtet und hintergründig recherchiert hat. Und der Film dazu ist überraschend gut gelungen.

Wenn ich Matthias Schweighöfer lese, dann kriege ich erstmal Angst. Immerhin stehen seine Leistungen für mich nicht unbedingt für seriöses, internationales Schauspiel, sondern er markiert eher den deutschen Blödel-Großmeister, der sich mit seinen Kumpanen zusammengerottet hat und hierzulande abgreift, was andere bislang nicht erobert haben.

Doch Kursk ist keine deutsche Produktion, sondern wurde von Belgien, Frankreich und Norwegen zusammengetragen, was für mich wiederum verwunderlich ist, weshalb dann deutsche Namen wie Schweighöfer oder auch der von mir geliebte August Diehl darin auftauchen.

As said before – die Angst ist unbegründet: Hier markiert man keine Prolls oder lässt den Witzbold raushängen, sondern liefert international seriöses Schauspiel und stellt die Ereignisse nach, die einen – trotz bekanntem Ausgang – dennoch im Film mitfiebern lassen und hier unfassbar viel Sympathie, Mitgefühl und Spannung aufbauen.

Die ganze Erzählung wirkt selbst wie ein kuratiertes Kunstwerk, in der mehr die sensiblen, ethischen Absichten menschlicher Existenz in den Vordergrund gestellt, und nicht – wie erwartet – amerikanischer Patriotismus zelebriert wurde.

Gleichsam ist dieser Film ein Vorzeigebeispiel für junge Generationen, was in Sachen Politik vor ihrer Zeit falsch gelaufen ist und was sie demnächst dann gerne besser machen dürfen, auch wenn dabei die Hoffnung wohl eher Mutter der Gedanken ist als dass irgendwer ernsthaft daran glauben würde, dass sich dadurch etwas ändern ließe.

Zumindest kann am Ende keiner mehr behaupten, er hätte es nicht gewusst. Und ihr könnt mir nicht mehr vorwerfen, ich hätte euch nicht empfohlen, diesen Film unbedingt zu sehen, denn der ist berührend hoch 10 und fordert einige Male die emotionalen Nerven heraus.

Wahre Begebenheiten – erst geschrieben, dann verfilmt und trotz bekanntem Ausgang doch unglaublich packend und spannend erzählt.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht aussitzen, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 11. Juli 2019

Original Title: Kursk
Length: 117 Min.
Rated: FSK 12