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Midsommar

Midsommar - Filmplakat
© 2019 Weltkino Filmverleih GmbH

Er war vor den ersten Screenings heiß erwartet und wird seitdem kontrovers diskutiert: Midsommar – das neue Werk von Ari Aster, Schöpfer von Hereditary, zu dem ich mich im “alten Blog” ja schon geäußert hatte (ja, die Arbeit im Hintergrund läuft weiter und ich werde zu gegebener Zeit dann alle Beiträge direkt online stellen – stay tuned).

Ich finde, bei all den wütenden Ansprachen, die mir da teils zu Ohren gekommen sind, wurde eine wichtige Sache nicht bedacht.

Zu Beginn: Ich bin fast gestorben aus Liebe zu diesem Projekt und mir wurde mal gesagt, als Kritiker müsse man solche Aussagen begründen. Ich will es versuchen.

Ich sehe das Werk nicht als Film, nicht als Erzählung, sondern selbst als ein Kunstwerk. Diese kranke Scheiße kann keine Geschichte sein, die man im Vorbeigehen erzählt oder in Taschenbuchform auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn liest, sondern damit muss man sich auseinandersetzen.

Und genau das habe ich während der Vorstellung und auch danach getan.

Man merkt schon beim Schauen, mit welcher Präzision und technischer Liebe man sich dieses Werk zusammengebastelt hat. Da ist nirgends eine Szene, in der man sich gedacht hat: “Yoah, nehmen wir, ist so, können wir loslegen” und dann einfach mit der Kamera draufgehalten, sondern jede Einstellung, jeder Blickwinkel, die Geometrie, die Bilddetails – alles wurde mit viel Intensität und Liebe ausgewählt und nichts dabei dem Zufall überlassen.

Eben jene Tendenzen hat man ja auch schon an Hereditary erkennen können: Bildabgefucktheit vom Allerfeinsten. Ich hoffe, der Regisseur bleibt sich treu und wirft noch ein paar mehr dieser Kunstwerke auf den Markt, denn für die cineastischen Augen ist dies tatsächlich ein Gaumenschmaus, den man selten in dieser Perfektion vorgesetzt bekommt.

Alles – diese ganz Welt – ist bis aufs kleinste Detail ausgearbeitet, mit Symbolik, Traditionen, Kulten … so etwas überlegt man sich auch nicht einfach im Vorbeigehen oder investiert so viel Arbeit in einen schlechten Film, darum kann dies nur ernstgemeinte Kunst sein – und es ist erstaunlich, wie wenige Menschen dies an dieser Stelle so klar erkennen.

Weiter geht’s mit Farben, Ausgestaltung, Helligkeit: Der Film strotzt geradezu davor und liefert hier an Bildern und “Naturschönheit” genau das Gegenteil des Plots, der an Grausamkeit und psychischer Krankhaftigkeit kaum zu überbieten ist – auch da wieder wunderschön austarierte Gegensätzlichkeiten, die vor Symbolträchtigkeit förmlich schreien. Warum regt man sich auf, statt mit Interpretation zu beginnen? Ein weites Feld metaphysischer Anspielungen, welches den Geist anregt und die Vernunft mit einem zerberstenden Kraftakt herausfordert – was an den unzähligen Kritiken darüber ja schon weithin erkennbar ist: Kunst soll provozieren, muss provozieren – und das tut dieser Film.

Oder springen wir wieder zurück an den Anfang – das Filmplakat. Man hätte es kaum besser ausdrücken können und hat sich selbst hier ein wunderbares Motiv einfallen lassen, welches in Gänze den Zwist zum Ausdruck bringt, dem sich der Film in seiner reichhaltigen Bildgewalt nahezu ekstatisch dahin gibt.

Das Werk wird vermarktet als “Horror” und häkelt bis jetzt an der Freigabe-Anfrage nach 16* … ich persönlich beziehe in so etwas immer gerne den Geist mit ein und fordere daher eine rote 18 und nichts darunter, wenngleich sich der Horror hier auch kaum in den Bildern offenbart, die man direkt vor Augen sieht, sondern vielmehr im Geiste der eigenen Gedanken manifestiert und seine boshaften Zweige darin ausspinnt. Und diese dekonstruktive Gefangennahme der eigenen Gedanken und Fantasie macht vielen wohl derart Angst, dass sie per se ihre Unbeholfenheit auf die “Schlechtheit des Werkes” abwälzen, statt sich verantwortungsvoll damit auseinanderzusetzen.

Ja, ihr wisst, dass ich Stoff liebe, der Menschen an ihre Grenzen führt – und aus genau dem Grund werde ich auch definitiv ein zweites Mal in diesem Film sitzen und ihn in seiner diabolischen Pracht genießen: Ein Werk, das dem Zuschauer viel gibt, dafür aber auch viel verlangt.

*Nachtrag: Soeben erhielt der Film die finale Freigabe von FSK 16 zugeteilt und kommt daher uncut ins Kino. Am 7. Februar 2020 wird er als Blu-ray, DVD und VoD erscheinen. Zusätzlich kommt eine streng limitierte Special Edition heraus, in der erstmals der Director’s Cut mit 25 zusätzlichen Filmminuten enthalten sein wird.

Schön zu sehen, wie der Hühnerstall der Massenvernunft durch füchsige Auswüchse komplett aufgerüttelt wird und sich die Massen beginnen, echauffiert zu erheben und gegen dieses Machwerk zu klagen: Die Masken fallen und der Mensch enthüllt sein eigenes Selbst, weil er nicht damit klar kommt, dass Midsommar viel gibt, dafür aber auch viel verlangt. Ein Meisterwerk geistiger Grenzüberschreitung, die nur als Kunstwerk verstanden werden sollte und keinerlei erzählerische Qualitäten aufweisen möchte. – Ansehen (bei hartem Magen) in meinen Augen definitiv Pflicht. Stellt euch dem Martyrium!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht ausharren, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 26. September 2019

Original Title: Midsommar
Length: 147 Min.
Rated: FSK 16


ES Kapitel 2

ES - Kapitel 2 - Filmplakat
© 2019 Warner Bros. Ent.

Erinnern wir uns mal zurück ans Fantasy Filmfest, auf dem ES als Eröffnungsfilm gezeigt wurde. Jeder, der das damals aktiv mitbekommen hat und sich hinterher auch noch ein, zwei mal in die Kinos verirrte, sagt heute: „Es gab ES und es gab das Fantasy Film Fest.“

Ja, der Film schlug mit einer so dermaßen großen Wucht ein, dass er nicht nur im Horrorsektor Rekorde aufstellte und bis heute als erfolgreichster Horrorfilm ever gilt, sondern man hatte das Gefühl, ein überdimensionaler Knüppel würde auf eine auf dem Wasser schwimmende Holzmohle runterpreschen, die komplette Mohle versenken und diese vor Ende des Filmfests nicht mehr auftauchen lassen, so hart war der Schlag.

Und tatsächlich: ES hat es zu internationalem Ruhm geschafft und steht heute (hoffentlich) in vielen Wohnzimmern: Der Film ist grandios!

Nun kommt die heiß ersehnte Fortsetzung und alle Angsthäschen rennen schon seit Wochen schreiend und wild durcheinander und fürchten sich vor „Kommste mit ins Kino“-Einladungen.

Vorab: Ich stehe beim Schreiben dieser Rezension kurz vor meinem Double Feature-Besuch im Dolby Cinema™ – oder besser gesagt: genieße einen Kaffee für die bevorstehende 5-stündige Filmschlacht in dem guten Glauben daran: Ich kann danach zufrieden abdanken, denn ich habe alles im Leben erreicht, was es zu erreichen gibt!

Kinder? Das ist die absolute Wucht!

Ja, ich habe Teil 2 bereits vor ungefähr einer Woche in der Pressevorführung gesehen und als altgedienter Deadpool-Fan fiel es mir niemals schwerer, vorab meine Klappe zu halten, um nicht gegen die Embargo-Vorschriften zu verstoßen. Time has come – wir stehen vor der epischsten Schlacht, die Kino in unserer Generation jemals erlebt hat.

Wer damals den ersten Teil gesehen (oder wie ich: verschlungen!) hat, weiß eigentlich schon, worauf er sich ungefähr einlässt: Die Elemente von ES sind klar definiert. Alle Jumpscares wurden der Welt bereits vorgeführt und das „Horror“ in dieser kleinen Erzählung klar definiert.

Ja, und ich liebe es. Abgöttisch.

Man weiß allerdings auch, dass ich ne Meise für Horrormovies mit mir führe und das ängstigt die Leute im Vorfeld noch viel mehr. Dabei wartet ES Kapitel 2 eigentlich gar nicht so hart wie im ersten Teil mit Horrorfeatures auf – und genau das ärgert meine Feuilleton-Jugendblockbuster-Verächter wieder zunehmends: „Das ist ja gar kein Horror.“

Nein, irgendwie nicht.

Und genau das ist groß an dem Film – so groß, dass ich heute glaube, es wird zu unseren Lebzeiten in unserer Generation nie wieder (!!!) so etwas geben.

Das fängt schon beim Buch an. Allein der Kult um das Buch im Vorfeld ist schon so unglaublich entartet, dass selbst Stephen King-Hasser den Titel kennen und wissen, dass er von ihm ist. Es wäre unmöglich, nochmals so ein Meisterwerk zu verfassen. Selbst wenn King sich höchstpersönlich hinsetzen und Teil 3 produzieren würde, wirkte es als warmer Aufguss und das trotzige Unterfangen, nicht damit aufhören zu wollen bzw. hätte den tödlichen Beigeschmack von „Ich will damit unbedingt nochmal Geld machen“. Die Zeit des Kults ist längst gereift und lässt sich nie wieder so herstellen.

Dann kommen die ganzen „Ich kenne die alte Verfilmung“-Filmknower dazu. Leute? NEIN!

Das dürft ihr bei Friedhof der Kuscheltiere meintwegen machen, vergleichen, und selbst da war es schon insofern schwachsinnig, als dass heute eine völlig andere Zeit ist, in der man Filme einfach ganz neu definiert auf die Leinwand bringen und somit komplett frisch erschaffen kann.

Das dürft ihr auch bei allen anderen Werken machen – bei ES allerdings: NEIN! Der alte Film hat mit dem neuen absolut nichts zu tun. Wirklich nicht. Das ist völlig neues, anderes, komplett authentisches und echtes Originalkino, dass es so noch nicht gegeben hat. Das „Remake“ ist nicht besser oder schlechter oder unnötig oder „hierPhraseeinfügen“, sondern hat Kino auf ein völlig neues Level gehoben, mit dem diese Generation aufwächst und das Entertainment neu schöpft.

Und dabei haben Andy Muschietti und sein Team etwas gemacht, das sie vielleicht selbst gar nicht bemerkt haben: Alles richtig!

Der Cast: Großartig besetzt und nicht „dahingeschliffen“, sondern so altern gelassen, wie man sich das vorstellt. Ganz ehrlich? Besser hätte man es nicht casten können. Dass sich die Kids ihre erwachsenen Pendants selbst wünschen durften und diese Anfragen größtenteils bejaht wurden, war also nur einer von vielen richtigen Schritten bis zur finalen Produktion.

Die Explosion des Horrors, den viele befürchteten und die u.a. die Saw-Reihe komplett zerstört hat, blieb auch aus, stattdessen hat man auf einer höheren Dimension verstanden, das Bild dieser Zeit genussvoll einzufangen und dem Zuschauer offen vor Augen zu halten, was sich hinter den Kulissen der Welt gerade abspielt.

Hier kommt wieder der Kult ins Spiel: Das Übersinnliche, das Fantastische, dem sich ES Chapter Two vollends verschrieben hat: Es ist eine unglaublich ausgeschmückte, detailreiche Geschichte, die auf vielen Ebenen der Psyche spielt und die den Zuschauer in eine komplett andere Welt entführt, die einen vergessen lässt, dass es ein „hier und jetzt“ gibt. Alles andere sind nur Geschichten – das hier ist ein Meisterwerk, vor dem ich ewig knien und es anbeten werde.

Danke, dass ihr das in meiner Generation erschaffen habt und ich die Chance hatte, diesen freakigen Abend mit vielen begeisterten ES-Fans im Dolby Cinema™ zu feiern: Es hat mein Leben unglaublich bereichert!

Dolby Vision™
Wie erwartet zieht man auch hier wieder die Stärken aus dem Bildbereich heraus und vergisst dabei aber nicht, dass es in den 80er Jahren technisch noch nicht soweit war: Diese Szenen sind künstlich gekörnt und verlassen ihre treue Schiene von „mieser Schrift“ ebenfalls nicht, so dass ein authentisches Bild aus den Originalen der Zeit generiert wird.

Das Finale strotzt vor Farbenpracht und man weiß wieder, warum man genau dieses Kino gewählt hat.

Dolby Atmos™
Unschlagbar und alternativlos: So etwas funktioniert nur im richtigen Dolby: Auch wenn viele Szenen frontlastig sind und man dafür nicht zwingend hier rein müsste: Die Action kracht rund um einen herum und wenns am Ende wirklich donnerhaft-heiß hergeht, weiß man wieder: 60.000 Watt Leistung in den Boxen lassen sich eben nicht einfach so leugnen, sondern trumpfen über alle anderen Säle dieser Erdkugel auf.

Ich jammer nicht, sondern fühl mich zutiefst verstanden von der Art, wie diese Fortsetzung ins epische Finale mündet: Der übernatürliche Blick ins Fantastische und das Zelebrieren von illustrer Bosheit und grandioser Zerfetzerwut verstört hier so manchen, der sich im richtigen Kino auf dieses Spiel einlässt. Etwas wie dies werden wir nie wieder erleben!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Der härteste Abspann aller Zeiten, wenn einem bewusst wird: Hier kommt jetzt nichts mehr. Keine Folgeszene. Und kein so verdammt guter Film. Nie wieder!

Kinostart: 05. September 2019

Original Title: IT Chapter Two
Length: 165 Min.
Rated: FSK 16