Tag: Single

Ich war noch niemals in New York

Ich war noch niemals in New York - Filmplakat
© 2019 Universal Pictures International

Ging‘s euch auch so? Trailer gesehen und gedacht: „Oh Gott, bitte nicht?“

Mir schon. Meine Mutter ist der größte Udo Jürgens-Fan aller Zeiten und ich kann die Songs inzwischen mitbeten. Und als der große Hype um den Tod dieses Mannes entstand, hab sogar ich mir einen Song von ihm auf iTunes zugelegt, der in meiner Longtime-Toplist inzwischen ziemlich weit oben ist.

Und: Ich war das erste Mal in meinem Leben im Deutschen Theater in München in einer Vorstellung von Ich war noch niemals in New York (hat mir extrem gut gefallen) und hab darum nochmal eine affinere Verbindung zu diesem Titel. Irgendwie war für mich damit dieses Thema abgehakt und ich habe vergessen, dass es für die Leinwand ja eigentlich noch gar nix gibt.

Und nun kommt …. Deutschland …. mit diesem Cast daher und nimmt das ehrenwerte Haus auseinander?

Presse – ja, ich jammer immer zu viel – Vorurteile wieder in die linke Jackentasche gepackt, Licht geht aus und meine Augen fallen auf einmal raus:

Kinder, das Ding ist abnormal besser als ihr gedacht hättet. Ja, wirklich.

Punkt 1: Katharina Thalbach. Was immer ihr über diese Frau bisher dachtet: Dies hier ist die Rolle ihres Lebens. Sie wurde ihr quasi maßgeschneidert zu Füßen gelegt und sie geht darin auf, dass sich die Balken biegen. Das übertrifft sogar noch den Heiner LauterbachDer Fall Collini-Effekt bei weitem! Diese Frau stiehlt allen die Show und übertrifft sich in ihren schauspielerischen Fähigkeiten, wo selbst ich ihr niemals zugetraut hätte, so exzellente Kost abzuliefern.

Punkt 2: Humor. Der Trailer liefert davon interessanterweise überhaupt nix und ist ein wahres Beispiel für „Großer Gott, bitte nicht!“ – im Film ist das dann völlig anders. Irgendwie kommt fast das gleiche Gefühl wie im Deutschen Theater auf (ich weiß, einige werden mich für diese Aussage jetzt steinigen), ich stehe aber dazu: Es hat echt extrem Spaß gemacht und man war hinterher zufrieden, glücklich und voller Freude und guter Laune.

Punkt 3: (Schnallt euch an) >> Das ist der wohl bislang beste deutsche Film, den Deutschland jemals releast hat bis jetzt!

Schnallt euch an, vergesst den Trailer und seid Zeuge davon, dass wahre Wunder tatsächlich passieren: Katharina Thalbach in der Rolle ihres Lebens in einem der besten deutschen Filme überhaupt bisher.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Verpasst nicht diesen traumhaften Song – es lohnt sich!

Kinostart: 24. Oktober 2019

Original Title: Ich war noch niemals in New York
Length: 128 Min.
Rated: FSK 0


Mein Leben mit Amanda

Mein Leben mit Amanda - Filmplakat
© 2019 MFA+ FilmDistribution

Dieser Film entzweit mich tatsächlich auf eine Art und Weise, die ich nicht vermutet hätte.

Bevor ihr gleich abdreht und denkt: „Okay, kein Volltreffer“ – Stop! Ihr solltet reingehen! Das Handwerk der schauspielerischen Darbietung ist phänomenal gut. Und zwar ausnahmslos von allen Parteien, die in dieser Story eine relevante Rolle spielen.

Der Stoff ist ebenfalls harter Tobak, was meist auch ein Grund dafür ist, den Film zu sichten.

Was mich tatsächlich stört, ist die Umgangsweise oder „Erziehung“, die man dem Plot angedeihen ließ. Hier komme ich ins Straucheln, auch wenn klar ist, dass solche Entscheidungen nicht eben kurz vor den Abendnachrichten gefällt werden können und man sich vor solcherlei Verantwortung gerne drückt.

Die Umgangsweise, zu der man sich entscheidet, frevle ich an. Gott darüber zu spielen, wie jemand in so einer Situation zu leben hat, ist genauso verabscheuungswürdig und gleichermaßen reißt es einen in Stücke, weil man meint: Wie könnt ihr euch erlauben, dies auf dem Rücken eines Kindes austragen zu wollen?

Genau das ist in der Realität aber gar nicht so selten, weshalb es oft so zerbrochene Umstände und Leben gibt, die zu den maroden Charakteren geführt haben, mit denen sich die Öffentlichkeit heutzutage rumschlagen darf. Wen wundert’s?

Mich nach diesem Film kein Stück mehr.

Insofern ist dies fast schon ein Lehrstück meisterlicher Familienkunst, die das trübselige Bild schicksalhafter Ereignisse zeichnet und dabei den Menschen an Pforten der Wahloptionen trägt, die kaum jemand imstande ist zu erschließen.

Vielleicht ist es das verklärte Bild hollywoodesker Schönheit, die man solch dramatisch-emotionalen Filmen oft auferlegt in der Erwartung klischeehafter Romantik, die ein jedes Problem im Keim erstickt und am Ende Friede, Freude, Eierkuchen auf die Lappen niederschreibt.

Dass das Leben oftmals eben nicht so ist, wissen viele von euch aus eigener Erfahrung … und Mein Leben mit Amanda stellt sich stellvertretend auf die Leinwand und unterstreicht diesen Schrei nach Gerechtigkeit, der mir im ersten Augenblick tatsächlich übel aufstieß.

Lockt aus den Komfortzonen des Lebens und zerwirft die bildschöne Story-Romantik mit kaum zu ertragender Realität: Die Disharmonie der Erzählung sollte keineswegs Grund dafür sein, diesen Film nicht innigst besuchen zu wollen. Handwerkliche Kunst, die den Zuschauer nicht nur unterhält, sondern auf seine ganz eigene Weise fordert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht ausgesessen zu werden, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 12. September 2019

Original Title: Amanda
Length: 107 Min.
Rated: FSK 6


Ausgeflogen

Ausgeflogen - Filmplakat
© 2019 Alamodefilm

Wenn’s französisch klingt, ist’s herzig … so könnte man pauschalisieren und würde damit in den meisten Fällen noch nicht mal arg daneben liegen. Mon Bébé ist tatsächlich ein absolut kitschig klingender Titel, der im Deutschen nicht besser wird und dem man all die nervigen kleinen „Dududus“ und „Dadadas“ anhängen darf, die so mancher an werdenden Eltern so extrem hasst.

Wer an dieser Stelle aber den Fehler macht und tatsächlich glaubt, dass das ganze Kleinkindgequengel nun Bühne auf der Leinwand findet, der schadet sich selbst und verweigert von vornherein einen Film, den ich auf die ToDo-Liste eines jeden Kinofans setzen möchte, denn Ausgeflogen ist wirklich ein Insidertipp.

Um euch die Angst vor „Oh mein Gott, er wird alt und kriegt langsam die Krise“ ein bisschen zu nehmen: Ja, ich kann diesem ganzen Generve von Babys und Kleinkindern immer noch nichts abgewinnen – ich bin kein „Vatertyp“, ich hab keinen eigenen Familiensinn und allein der Gedanke, mich mit jemand zu verbünden und irgendwann eigene kleine Kids in die Welt zu setzen, löst Horror und Schrecken bei mir aus: „Hilfe, ich verliere meine wohlgeliebte Einsamkeit, meine Lebensfreiheit und mein Recht, durchgeknallt und anders zu sein als andere und das in vollen Zügen auszukosten.“ Ihr braucht also nicht zu fürchten, dass jetzt auf einmal auch kleine, dicke, komisch aussehende Babys auf den Tisch kommen und ich beschwörend anfange, drumrum zu tanzen und eben jenes Szenario heilige.

Ganz im Gegenteil: Ausgeflogen kümmert sich um andere Dinge – von anderen Seiten aus, und tut dies in einer romantisch-erträglichen Version, von der ich nur zu gern mehr sehen würde. Hier schlägt das „französische Gen“ wieder einmal zu, das quasi mehr oder weniger garantiert, dass der Film gut werden wird – und beide Hauptdarstellerinnen erledigen hier auch einen Job, der nach Schauspielschul-Vorbild ausschaut: Extrem gut gespielt, extrem einfühlsam und emotionsnah und auf eine wohlige Art und Weise, in der man sich gern für eine Zeit lang selbst ertränken möchte, um es richtig auszukosten.

Der Film hat Tempo, fordert also auch durch seine permanente Fahrweise und lässt einem wenig Zeit, zur Ruhe zu kommen und das Gesehene irgendwie zu verarbeiten – leise ist also was anderes, aber die Geschwindigkeit und der „Lärm“ nerven nicht, sondern sind hingebungsvoll und ehrlich, eine liebevolle Ode an das Leben und seine Wendepunkte.

Wer immer die Chance hat, das Ding im kleinen Rahmen cineastisch zu konsumieren: Tut es! Ausgeflogen ist ein Insidertipp, der durch einen möglicherweise schlecht gewählten Originaltitel dazu verleitet, den großen Fehler zu begehen, diesen Film zu ignorieren. Absolut liebevoll gespielt – eine Ode an das Leben.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht sitzen bleiben, es folgen keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 18. Juli 2019

Original Title: Mon Bébé
Length: 87 Min.
Rated: FSK 6