Exil - Filmplakat
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Exil ist ein schöner, kleiner, unscheinbarer Reigen, hinter dem sehr viel mehr steckt, als es anfänglich den Eindruck macht. Der Zuschauer sollte sich nicht von der Simplizität des Posters oder dem kurzen Titel täuschen lassen.

Nach typischer – ich möchte sagen – arte-Manier startet man die Charaktereinführung und wirft immer mehr Fragen in den Raum, die sich irgendwann im Dunst der Ahnungslosigkeit verzweigen und sowohl bei den Protagonisten, als auch beim Publikum immer mehr “Hä”-Momente entstehen lassen.

Regisseur Visar Morina steigt währenddessen immer tiefer in das undurchschaubare Geflecht menschlicher Gedanken und hinterlässt dabei überall kleine Hinweise und Momente, die beim aufmerksamen Zuschauer interessante Fragen aufwerfen sollten.

Für mich trifft er direkt ins Schwarze und erhebt quasi eine filmisch-analytische Studie über gedankliches Versagen und die Irrwege, in die uns manches Mal voreilige Schlüsse leiten.

Etwas gestört hat mich dabei, dass man sich an zu vielen Stellen einfach zu viel Zeit lässt und die Szenen derart auskostet, dass nach ungefähr der Hälfte des Films bei mir manchmal der Wunsch aufkam, “die Werbung vorzuspulen” um endlich den Film weiter sehen zu können. Hier hätten ein paar mehr Schnitte dem Gesamteindruck und der “Schnittigkeit” des Films gut getan. Dafür hat man an anderer Stelle tatsächlich herausragend gut gearbeitet und auf viele kleine, unwichtige (aber professionelle) Details in der Continuity geachtet, die wiederum zeigen, dass sich die Filmemacher das Projekt wirklich zu Herzen genommen haben und nicht einfach nur abliefern wollten.

Die Auflösung ist tiefgründig, auch wenn sie meines Erachtens geistige Eigenleistung und einiges an Zeit erfordert. Im Kino steht man zunächst mit einem “Ja, und jetzt?”-Gedanken auf und weiß erstmal nicht wirklich was mit sich anzufangen.

Im Nachgang ergibt sich dann aber sehr vieles – ein Film, für den man einfach ein wenig Zeit braucht und der nicht im Vorbeigehen angesehen werden sollte. Genehmigt euch doch hinterher noch ein Glas Wein und diskutiert die Sache aus?

Ich hätte an vielen Stellen zusätzlich nochmal die Schere angesetzt, da einige Szenen tatsächlich gefühlt viel zu lange ausgemalt wurden, bevor es im Plot weitergeht, die Aussage und das durchdachte und bis ins kleinste Detail durchgeplante Plotwunder entpuppt sich am Schluss aber als echter Geistesbrocken mit einigen überraschenden Twists.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Beinhaltet keine weiteren Szenen mehr, vorzeitiges Saalverlassen wird diesmal also auch nicht abgestraft.

Kinostart: 20. August 2020

Original Title: Exil
Length: 121 Min.
Rated: FSK 12