September 19, 2021

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The Nest – Alles zu haben ist nicht genug

The Nest - Alles zu haben ist nie genug - Filmplakat
© 2021 Ascot Elite Entertainment

Manche mögen an dieser Stelle Lobeshymnen auf den Regisseur anstimmen und auf seinen bisherigen Festival-Erfolg verweisen und sich daran aufhängen, für mich war der ausschlaggebende Punkt des Interesses an diesem Streifen tatsächlich Jude Law.

Ich hab ihn durch A.I. – Künstliche Intelligenz kennen und lieben gelernt und mag seine zurückhaltende, defensive und „schüchterne“ Spielweise, mit der er bislang all seine Charaktere in Filmen wunderbar verkörperte.

Nun ist es ja seit einiger Zeit still um die alten Koryphäen des Kinos geworden. Nur hier und da schwappte mal ein „Revival“ eines alten Hasen auf den Tisch, das aber in den meisten Fällen keine bundesweiten Begeisterungsstürme ausgelöst hätte. Also ist das Setzen auf diese Karte durchaus ein gewagtes Spiel, was im Vorfeld schon mal hohe Erwartungen auslöst und das Gelingen eines Kinoabends durchaus mit einer Brise Risiko ziert.

Mein erster Eindruck war auch tatsächlich erschreckender Natur: Gedanken wie „Gott, bist du alt und verbraucht inzwischen“ dämmerten durch meinen gespannten Geisteszustand, bis ich realisiert habe, dass dieses Erscheinungsbild Teil seines Filmcharakters ist und damit einfach dazu gehört. Zumindest in diesem Part der Erzählung.

Doch der Film handelt nur indirekt von Jude Law, sondern beschäftigt sich vielmehr mit den Unterschieden zwischen dem, was unsereiner hier gerne als „englischsprachig“ bezeichnet, aber doch so verschieden ist: USA und Großbritannien.

Sean Dunkin erzählt gewissermaßen aus dem eigenen Nähkästchen und verarbeitet damit ein klein wenig seine eigene Landes-Zerissenheit in einer Geschichte, die sich noch um ganz andere Faktoren kümmert. Und hier kommt dann die Professionalität ins Spiel: Das Ganze ist ein Reigen unverblümter Offenbarungen, die sich immer tiefer den Weg in die Persönlichkeit eines jeden Darstellers bahnen und Genügsamkeit als auch Ungemütlichkeit aufs Tableau der Erkenntnis schmieren und den Zuschauern somit einen wahnsinnig exerzierten Ritt in die Höllen der Gier gewähren.

Mir persönlich hat dabei die allumfassende Vollkommenheit sämtlicher Partikel dieses Verlustspielchens gefallen: Dass kein besonderer Fokus auf nur eine Person oder eine Gegebenheit gelegt wurde mit klassischer „Der Held lernt durch Schmerz und durchlebt eine Veränderung“’s-Moral im Anschluss, sondern dass man als Zuschauer tatsächlich vor ein komplexes Gerüst aus Gefühlen, Konsequenzen und Veränderungen gesetzt wird, die sich alle gegenseitig bedingen und am Schluss auch zu einem Konsens führen, aber nicht in einer unausgegorenen Adhärenz enden, sondern die aufgebauten Spannungen gewissermaßen wieder befrieden, nur eben auf eine gänzlich andere Art, als man dies an so einem Punkt erwarten würde.

Dazu kommen neben den grandios spielenden Hauptdarstellern Jude Law und Carrie Coon noch ein paar andere tragende Elemente, zum Beispiel die Kulisse, die eine ganz besondere Atmosphäre schafft und für sich quasi schon einen Charakter im Film darstellt. Oder die unzähligen Verknüpfungen zwischen Emotion und Gegenstand, die unmissverständliche Gemütszeichnungen zulassen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Gepaart mit einer wunderbar professionellen, ruhigen Kameraführung und einem Soundtrack, der sich mal nicht an den üblichen Verdächtigen dieser Epoche bedient, sondern zusätzliche Ausflüge in tiefere Gefilde zulässt, ergibt das ein Gesamtpaket, das das Prädikat „sehenswert“ definitiv verdient und hier eine Breite Schicht an Zuschauer:innen befriedigen dürfte.

.kinoticket-Empfehlung: Ein wertvoll stilistisch ausgearbeitetes Portfolio sich gegenseitig bedingender Konsequenzen, die den Ritt in die Abgründe der Entwicklung aus maßloser Gier und zielloser Irrläufe offenbaren und in einem wunderbaren Konsens enden. Man spürt diesem Werk seine erzählerische Qualität an, dessen Niveau weit oben angesiedelt ist, ohne dabei jedoch in elitäre Sphären abzudriften.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Gehört für mich immer noch zum Film dazu und liefert auch einen wunderbar akustischen Übergang, enthält aber keine weiteren Szenen. Rausgehen also durchaus erlaubt.

Kinostart: 08. Juli 2021

Original Title: The Nest
Length: 107 Min.
Rated: FSK 12