The Vigil - Die Totenwache - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Frischfleisch ist manchmal gar nicht so verkehrt … und die ach so unbeliebten „Newcomer“ haben anfangs immer das, was ich bei vielen Alteingesessenen oft vermisse: Mut.

Keith Thomas ist ein neuer Stern am Himmel der Horror-Regisseure und blutjung mit seinen Ideen. Seinem Kurzfilm Arkane, den man z.B. auf YouTube sichten kann, spürt man noch nichts von Können an, sondern der erinnert viel mehr an das „hochetablierte Möchtegernwerk eines Filmschulabsolventen“, der sich selbst maßlos überschätzt. Kein Gespür für Timing, keine guten Effekte, ein lahmarschiges Ende … macht keine Lust auf mehr.

Ganz anders verhält es sich mit seinem ersten Kinofilm The Vigil – Die Totenwache: Nun hat er sich belesen, wie man das mit den Horroreffekten richtig macht und zieht auf einmal voll sein Ding durch – und das so gut, dass einem Horrorfilmliebhaber wie mir zuweilen die Gänsehaut am ganzen Körper senkrecht stand.

Die Effekte passen, die Jumpscares sind weise und unübertrieben gut eingesetzt und auch der Story-Plot hält sich an seine selbst aufgestellten Regeln und verweist damit die typische Dummheit nach draußen.

Kurzum: Man hat sich ein wunderbar unangerührtes Thema geschnappt, eine Story dazu geschrieben (die – zugegeben – zwei, drei Minuten braucht, um zu zünden) und dann eine wunderbare Reise in die gruseligen Momente dieser Nacht unternommen, die im Film wunderbar authentisch durchexerziert wird.

Und dabei wird eine Stärke von Thomas ganz klar und deutlich: Dieser Mann kann auf einmal Atmosphäre schaffen und sorgt für grandiose Momente, die selbst alteingesessenen Genrefans das Gruseln neu beibringen.

Nun muss ich auch wieder ein wenig meine Meinung zu Blumhouse revidieren, die in meinen Augen in der Vergangenheit auch viel skurrilen Bullshit ans Tageslicht gelassen haben, den ich so nicht abgesegnet hätte. Aber der Einfluss ist hier deutlich zu spüren und hat dem Film wider Erwarten mehr als gut getan.

Am Ende struggelt man ein wenig mit der doch eher unbefriedigenden Auflösung, aber der Weg dorthin ist Bombe und man wünscht sich mehr aus dieser Ecke. Mal sehen, ob’s diesmal gelingt, dass mal jemand nicht ins wirtschaftlich-seelenlose Milieu abkippt, sondern man weiter an solch grandiosen Ideen bastelt. Es würde dem Genre definitiv gut tun.

Hammerharte, starke Momente mit Gänsehautgarantie, die selbst alte Horrorfans aus ihren Höhlen rauslocken und das Fürchten komplett neu lehren: Großartige Situationen, tolle Effekte und ein plausibler Plot – was will man eigentlich mehr?

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht ausharren, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 22. Juli 2020

Original Title: The Vigil
Length: 90 Min.
Rated: FSK 16