März 28, 2023

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Till – Kampf um die Wahrheit

Till - Kampf um die Wahrheit - Filmplakat
© 2023 Universal Pictures International

Das Kino der heutigen Zeit stellt seine Zuschauer immer wieder vor neue Herausforderungen. Zum einen kann sich kaum noch jemand daran erinnern, dass ein Film mit 110 Minuten mal „lang“ gewesen ist, inzwischen haben wir sogar die 120 Minuten-Grenze hinter uns gelassen und das Kratzen an den drei Stunden wird zur Normalität.

Zum anderen fühlt es sich – zumindest für mich – mittlerweile so an, als ob der Planet ziemlich klein geworden ist. Als Kind hatte man immer unfassbar viele „unerreichbare Weiten“, die so weit weg schienen, dass sie nichts mit dem eigenen Leben zu tun haben könnten. China? USA? Irgendwo im Kongo? Juckt mich alles nicht, solang es meinen Dunstkreis nicht tangiert.

Inzwischen kriegt man so vieles mit und lebt – auch dank sozialer Medien – irgendwie in einer globalen Gemeinschaft – und spürt seit Covid auch, dass alles direkte Auswirkungen auf einen selbst hat – z.B. wenn jemand im fernen China irgendeinen Bullshit baut.

Die Konsequenzen betreffen dann auch meistens nicht mehr nur einen selbst, sondern die gesamte Gesellschaft um einen herum. Insofern darf man fast behaupten: Wenn irgendwo Missstände sind, gehen sie einfach jeden etwas an.

Und dass der Mensch immer aus seiner eigenen Geschichte lernen könnte, um sich selbst zu verbessern und es für nachfolgende Generationen schöner auf diesem Planeten zu machen, ist eigentlich ein Credo, das jedes Individuum verfolgen sollte.

Also lohnt ein Blick zurück in die Geschichte – und auch nach weit weg.

Till – Kampf um die Wahrheit tut beides und eröffnet ein mediales Plädoyer, das sich gegen Rassismus und Verfolgung dieser Couleur wendet und offene Missstände aufzeigt. Dabei macht der Film ganz vieles falsch – und damit richtig.

Die 132 Minuten sind teilweise wirklich quälend lang. Nicht, weil es unspannend ist, sondern weil man in so vielen Momenten einfach gerne um sich schlagen würde, um die Situation zu verändern und das Gezeigte unerträglich ist. Es gibt so wahnsinnig viele Stellen, wo ich einfach der Situation den Rücken kehren und gehen würde, weil ich dieses (un)menschliche Gebahren nicht aushalte und es meinem inneren Drang nach Frieden und Harmonie widerstrebt.

Und genau das soll und muss so sein: Man muss Unbehagen verspüren, wenn man mit solchen Situationen konfrontiert wird – und damit macht der Film mit seiner „Lästigkeit“ alles richtig: Er zeigt auf, wie krass scheiße dieses Verhalten ist und tut an den richtigen Stellen richtig weh …

Und dieser Schmerz sorgt hoffentlich dafür, dass jeder, der ihn sieht, sich zukünftig anders verhält (oder zumindest seine Fresse hält, wenn Mitmenschen darum kämpfen, dass sich anders verhalten wird).

Rassismus ist auch eines der Dinge, die immer und offen verurteilt werden. Und auch hierin liegt ein Problem: Es wird inflationär und damit nicht mehr greifbar, sondern irrational. So, wie jeder in sein Profil „Kino, mit Freunden Ausgehen“ schreibt – und eigentlich keiner mehr weiß, was das wirklich ist oder es tatsächlich als echtes, emotionales Hobby betreibt.

„Ich bin gegen Rassismus“ zu sagen und sich dann im Bus trotzdem komisch zu fühlen, wenn sich jemand „fremdländisches“ neben einen setzt .. oder – wenn auch nur gedanklich – „vorsichtiger“ zu sein, weil ja was geklaut werden könnte oder ähnliches … genau das IST Rassismus.

Anderes Beispiel: Ihr werdet in einem Restaurant bedient – bestellt Essen, Trinken, kriegt Dessert, ein Schäpschen danach und dann geht’s ans Bezahlen.

Euch hat ein absoluter Schönling von Jungboy bedient, blonde Haare, tolles Aussehen, absolut sexy Stimme.
Euch hat eine schwarze Frau bedient. Üppiger Busen, lange, geflochtene Haare, markante Stimme.
Euch hat eine blonde Dame bedient, blaue Augen, kurvig gebaut, flirty unterwegs gewesen und mit sexy angehauchter Stimme.

Wem gebt ihr mehr Trinkgeld? Wenn da „Unterschiede“ auftauchen (Dem würde ich nicht so viel geben, die hat nix verdient, der würde ich nen 10er extra geben) – dann ist das Rassismus. Jeder von ihnen hat gleichermaßen guten Service gemacht und hätte das gleiche an Trinkgeld verdient – und dort Unterschiede zu machen, ist „urteilen nach äußeren Merkmalen, ohne die Person zu kennen“ und damit Rassismus.

Merkt ihr? Mir ist das aufgefallen, weil ich seit geraumer Zeit extrem häufig in DB Lounges unterwegs bin und dort von aller Art Mensch bedient wird – Mann, Frau, deutsch, chinesisch, taiwanesisch, dunkelhäutig etc.

Und ich habe mir gesagt: Es ist völlig wurscht, jeder kriegt immer den gleichen Anteil Trinkgeld – der- oder diejenige, die für mich zuständig ist, kriegt am Ende immer das gleiche als Summe.

Und mir ist aufgefallen: Die Männer sind immer überrascht und dankbar, weil Trinkgeld geben in einer Lounge, wo eigentlich alles gratis ist, inzwischen wohl auch nicht mehr gang und gebe ist.

Aber die Frauen (und gerade Frauen, auf die mehr „besondere Eigenschaften“ zutreffen) brechen fast in Tränen aus und könne ihr Glück kaum fassen: Dass sie bedacht werden und auch was kriegen … und dann „in der Höhe“ scheint noch unnormaler zu sein, als dass Männer etwas zugesteckt bekommen.

Und das – Leute – ist warum so? Weil es immer noch Rassismus gibt, obwohl jeder ihn verurteilt und damit eigentlich gar nicht existieren dürfte, weil man ja nicht so ist, wenn man es selbst „in höchstem Maße verurteilt“?

Merkt ihr?

Till – Kampf um die Wahrheit ist brandaktuell und extrem wichtig – also setzt euch der Tortur aus und lernt, was das ist. Verinnerlicht, was da passiert ist und heute immer noch passiert, und wir wissen ja alle nun, dass es im Endeffekt jeden von uns betrifft – egal, wo auf der Erde es passiert.

.kinoticket-Empfehlung: Unerträglich – und genau das Gefühl soll und muss hervorgerufen werden: Till zeigt die hässliche Fratze von Rassismus und ist Lehrmaterial erster Güte – genau so müssen Filme gemacht werden, um diese Missstände anzuprangern! Extrem sehenswert!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, hier folgt nach den Texttafeln nichts weiter.

Kinostart: 26. Januar 2023

Original Title: Till
Length: 132 Min.
Rated: FSK 12

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