Mai 22, 2022

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Tod auf dem Nil (2021)

Tod auf dem Nil - Filmplakat
© 2022 20th Century Studios

Nach dem bahnbrechenden Erfolg von Mord im Orient Express, der ersten modernen Neuauflage des Agatha Christie-Romans war es nur eine Frage der Zeit, bis man sich mit der starbesetzten Crew auch andere Projekte der Schriftstellerin zur Brust nehmen und sie wieder ins Kino bringen würde.

Rechtetechnisch wird das ja inzwischen auch immer einfacher, da die Dame im Jahr 2020 den 100. Jahrestag des ersten veröffentlichten Romans feierte und somit die „Zugriffsbeschränkungen“ langsam verjähren und damit die Inhalte zur freien Weiterverwurstung auf der Fleischtheke feilgeboten werden.

Dennoch wird der Film vom Publikum so semimäßig angenommen und da verrate ich euch gleich mal ein Geheimnis der Filmwelt: Züge.

Mord im Orient Express hatte den unfassbaren Vorteil, in einem Zug zu spielen – und der ist seit Jahrhunderten im Film ein von Markanz gesegnetes Konstrukt, das in vielerlei Hinsicht Stärke, Vorankommen, Drive, Flow in eine Erzählung bringt. Wann immer man also eine Situation vorfindet, wo alles ein wenig stagniert – einfach ein paar Bilder von Zügen integrieren und schon hat der Zuschauer das Gefühl, die Geschichte geht weiter, der Handlungsstrang wird vorangetrieben. Züge bringen Fahrt – und damit Bewegung ins Kino.

Genau dieser Zug fehlt hier und wurde stattdessen durch einen „schwerfälligen“ Dampfer ersetzt, der quasi eher ankert, als irgendwie das Gefühl von Geschwindigkeit und Kurzweil zu vermitteln. Nun muss also wieder die Story und Inhalte punkten und man legt unbewusst viel mehr Wert auf Dialoge, Zwischensequenzen und all das andere, das man in Filmen mit integrierten Zügen einfach durch Zug-Sequenzen übertünchen kann.

Und boum, auf einmal ist alles viel langsamer. Viel schwerfälliger und langatmiger. Und da die Story momentan auch jeder kennt (zumal in der Best of Cinema-Reihe kürzlich noch das Original gezeigt wurde), ist es viel viel schwieriger, den Zuschauer jetzt nochmal zu überraschen und vielleicht durch vergessene Momente neu zu überraschen.

Vieles macht man durch Stardurchtränktheit wieder wett: Tom Bateman, Annette Bening, Kenneth Branagh, Russell Brand, Gal Gadot, Armie Hammer, Emma MacKey, Letitia Wright – hier wimmelt es nur so von A-Promi-Aufgebot, aber auch die Schiene ist mittlerweile ziemlich ausgelutscht und wirkt spätestens seit dem Star-Hammer der Marvel-Filme nicht mehr wirklich beeindruckend.

Das andere, woran sich viele stören: Der „Original-Geist“ von Agatha Christie ist irgendwie nicht wirklich so umgesetzt, wie man das kennt, sondern alles wirkt jugendlicher, moderner und damit erfahrungsgemäß nicht zwingend besser. Selbst, wenn man das Original nicht kennen sollte, hat man dennoch hier und da das Gefühl von Längen und wird mit der Story als solches nicht so richtig warm – zumindest im ersten Teil des Films.

Und genau da liegt glaube ich auch die Krux: Tod auf dem Nil möchte groß sein – und ist es auch, allerdings in den Bereichen, wo keiner wirklich hinsieht.

Man wird im Film häufig von Szenen überrascht, die großartig sind. Kulisse, Umgebung, Kamerafahrten oder Bild-Einstellungen, bei denen der Zuschauer sich denkt: „Ja, klar, heißt ja „Tod auf dem Nil“ – logisch muss man hier den Nil zeigen, also schnell, weiter im Text!“ – und in Wirklichkeit sind diese Hintergründe genau das, was den Film gut macht. Die Präsenz brillanter Aufnahmen liegt unterschwellig verborgen, weil der Zuschauer sich auf die Figuren, die Dialoge und das Vordergründige konzentriert, während die wirkliche Magie im Hintergrund stattfindet.

Das kann man nun dem Film zur Last legen, weil der ja auch offentliches Augenmerk an die richtigen Stellen hätte führen können, dann wäre das aber nicht mehr die Originalgeschichte, sondern ein Plagiat. Stattdessen verfitzt man sich eben in der offensichtlich bekannten Handlung und die führt eben nur zum Ende mit der Monster-Auflösung wirklich zu Spannung, die allerdings eben auch keine ist, weil die meisten die massiven Plot-Twists noch im Ohr haben. Vielleicht hätte man den Veröffentlichungszeitpunkt also einfach anders wählen müssen.

.kinoticket-Empfehlung: Fasziniert mit großartigen Bildaufnahmen, monumentalen visuellen Eindrücken und unglaublichen Farben, hinkt dafür aber im Plot und tut sich schwer, so richtig Fahrt aufzunehmen und den Zuschauer mit auf eine Reise zu nehmen.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht zwingend abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 10. Februar 2022

Original Title: Death on the Nile
Length: 134 Min.
Rated: FSK 12