Dezember 6, 2021

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Venom: Let there be Carnage

Venom: Let there be Carnage - Filmplakat
© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Hausaufgaben

Immer, wenn ich in Marvel– oder anderen Comic-Verfilmungen für die Presse im Kino sitze, kommen scharenweise die Menschen auf mich zu und fragen mich aus, weil „du kennst dich doch bei sowas aus“. Um die Plätze in meiner Nähe wird sich da manchmal regelrecht gekloppt.

Tatsächlich ist es erstaunlich, dass eine Redaktion gewisse Journalisten für Movie-Beiträge anheuert und man dann feststellt, wie wenig Ahnung die tatsächlich von der Materie haben.

Also: Machen wir mal ein paar Hausaufgaben (und ihr dürft alle gerne abschreiben).

1977, 1978 und 1981 koppelte man drei „Folgen“ aus der TV-Serie fürs Kino aus, nannte sie Spider-Man – Der Spinnenmensch, Spider-Man schlägt zurück und Spider-Man gegen den gelben Drachen und startete damit den Populationserfolg eines Comichelden, der in Folge Geschichte schreiben sollte.

2002, 2004 und 2007 wurde die Sache dann von Sam Raimi in die Hand genommen und u.a. der bis dato teuerste Film überhaupt produziert: Spider-Man 1-3 mit Tobey Maguire als Spider-Man.

Anschließend wollte man die Sache wieder ein wenig verjüngen und holte den weniger erfolgreichen und für mich wesentlich weniger charmanten Andrew Garfield als Hauptdarsteller und produzierte mit ihm 2012 und 2014 The Amazing Spider-Man und The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro.

Schlussendlich nahm sich gnädigerweise dann Marvel der Sache selbst an und holte mit Tom Holland den bislang sympathischsten und erfolgreichsten Spidey ins Haus und ließ ihn 2016, 2017, 2018 und 2019 in gleich zwei Filmen gemeinsam mit den Avengers antreten:

The First Avenger: Civil War
Spider-Man: Homecoming
Avengers: Infinity War
Avengers: Endgame
Spider-Man: Far from Home

Aber da war doch noch was: Irgendwo im Dunst der ganzen inzwischen längst unübersichtlichen, nicht in einer Timeline verarbeiteten und kuriosen Chronologie des beliebten Comichelden gab es noch Ableger: Spider-Man: A New Universe (wo erstmals aufgezeigt wird, dass hinter der Fassade des Namens wesentlich mehr steckt, als anfangs angenommen) … und: Venom, der von Ruben Fleischer 2018 inszenierte Spin-Of des Gegenspielers von Spider-Man, der vom Publikum und der Presse allerdings so semiprächtig angenommen wurde.

Dass dann 2021 auf einmal unter Pressefachleuten für Kino und Film Fragen auftauchen wie: „Hä? Ich dachte, der Grüne Kobold ist der Gegenspieler von Spider-Man?“ ist genauso traurig wie wahr. Und euch darf ich heute die frohe Kunde verbreiten: Es gibt so unfassbar viele Charaktere in der Welt von Spider-Man, dass es den Rahmen sprengen würde, die jetzt der Reihe nach aufzulisten und alle Verbindungen zwischen ihnen herzustellen.

Und noch ein kleiner Hinweis: Wenn ihr euch jüngst mal das Cover zu Spider-Man 3 angesehen hättet, wäre euch aufgefallen, dass hier bereits ein überdeutlicher Hinweis auf eine „schwarze Kreatur“ geliefert wird … und (Überraschung) wenn ihr euch den Film sogar angesehen hättet, wäre euch längst aufgefallen, dass die Ursprünge von Venom an dieser Stelle längst gelüftet und auch die Beziehung zu Spider-Man überdeutlich hergestellt wurde.

Angesichts der Tatsache verwundert es mich, dass wirklich so wenige Menschen blicken, dass Venom ein Ableger von Spider-Man ist und man diese Dinge heute immer noch nicht zusammen setzen kann. Sind ja inzwischen nur 14 Jahre vergangen, in der man Zeit gehabt hätte, diesem erstaunlichen Fakt auf die Schliche zu kommen… #Recherche #Journalismus #ichhabsnichtgelernt #weißesabertrotzdem

Und nun kommt der Burner: Venom war der erste Film des von Sony neu geschaffenen Spider-Man-Universe, welches mit folgender Movie-Line aufwartet:

Venom (2018)
Venom: Let There Be Carnage (2021)
Morbius (aktuell angekündigt für den 27. Januar 2022)
Kraven, the Hunter (aktuell angekündigt für den 12. Januar 2023)

Sonys erbitterter Kampf um Aufmerksamkeit in einer Welt des Erfolgs

In der Welt der Comics (und damit der des großen Geldes) gibt es zwei Platzhirsche, die seit Ewigkeiten um eine Veränderung der Rangfolge kämpfen: Marvel und DC. Alles andere reiht sich ein in die These, dass „Computerspieleverfilmungen immer Schrott sind“ – und genau das gilt auch für Comicverfilmungen, sofern sie nicht von Marvel stammen. Selbst DC kann in dem immerwährenden Streit um das Vorrecht der Zuschauerschaft kaum auf sich aufmerksam machen, woran man sieht, was für ein hart umkämpfter Markt das ist.

In all den Jahren, in denen ich mir nun schon hunderte Filme und Kinovorstellungen pro Quartal gebe, habe ich gelernt, dass jedes Studio so seine Eigenheiten hat und gewisse Dinge voran bringen will bzw. für eine Marke stehen und etwas ausdrücken.

Das liegt zum Teil an ganz banalen Dingen wie technischen, digitalen „Vorräten“ (Disney verwendet in vielen Filmen zum Beispiel ganz bewusst immer wieder gleiche Animationen oder gleiche, animierte Charaktere als „Komparsen“, weil dadurch die Kosten eines Films verringert werden können, wenn man weniger Berechnungen anstellen und Leute beschäftigen muss) oder eben an ideellen Einstellungen, die man als Studio-Inhaber vertreten möchte … oder einfach daran, dass die eigenen Leute immer das machen, was sie am besten können.

Schlechter Vergleich: Schaut euch mal (ohne Brille und bisschen verschwommen) das animierte Gekröse aus dem Film Life an, in dem eine außerirdische Lebensform auf die Erde einfällt… und vergleicht diese Animationen dann mal mit dem „animierten Gekröse“ aus dem Film Venom, in dem … eine außerirdische … ihr wisst schon.

Solche Phänomene kann man in der Welt des Films immer wieder feststellen: Vorhandenes wird minimal abgeändert und dann nochmal richtig zu Geld gemacht.

Und seitdem Marvel unlängst bewiesen hat, dass sich mit dieser „Nischen-Buch-Sparte“ auch im Kino mächtig Geld machen lässt, will natürlich jeder sein Stück vom Kuchen abhaben und produziert auf Teufel komm raus, dass sich die Balken biegen … Naheliegend, dass man dann in die Schubladen schaut und kuckt, was man damit anstellen kann.

Venom ist nämlich ein Kuriosum, das sich so mancher nicht erklären kann: Der Film hat bei den Kritiken sowohl in der Presse als auch beim Publikum unfassbar schlecht abgeschnitten und es trotzdem auf Platz 7 der erfolgreichsten Filme des Jahres 2018 geschafft. Ja, vielleicht wurde da nicht so viel geiles gedreht? Mag sein – aber weltweit ist er aktuell auf Platz 77 der finanziell erfolgreichsten Filme ever – und das ist kein Pappenstiel.

Ergo ruht man sich nicht auf dem Erfolg aus, den sich aufgrund der miesen Kritiken vermutlich niemand so richtig erklären kann, sondern produziert sich fröhlich in ein eigenes Universum, das den Trailern nach zu urteilen gar nicht mal so mies aussieht.

Der Fallstrick ist dabei nur Sonys eigene Personality: Mit der kommen nämlich viele nicht so richtig klar, weil das Studio einfach eine eigene Art hat, die sich nicht so butterweich ins Zentrum der Massenproduktion einfügen lässt, sondern die einfach ihren eigenen Charakter haben und ihre Form von Humor in ihre Filme legen und damit ihr Ding machen.

Damit dann finanziell immer wieder mal hart auf die Fresse zu fliegen und trotzdem daran festzuhalten, um zu sich selbst zu stehen, zeugt fast schon wieder von bewundernswerter Größe und Authentizität. Und die könnte über die Jahre zum größten Gewinn des Konzerns werden, der sich mithilfe der angekündigten Movietimeline zum dritten Big Player in der Arena der Comic-Verfilmungen aufschwingen könnte.

Venom: Let there be Carnage bricht Rekorde

Erste Anzeichen dafür sind längst in die Geschichtsbücher geschrieben: Venom: Let there be Carnage verzeichnete inzwischen einen Rekordstart in den USA am Startwochenende und überbot damit alle anderen Filme während der Pandemie, legte zudem den zweitbesten Oktoberstart aller Zeiten hin und den besten Start eines Films seit Dezember 2019.

In Russland erreichte man übrigens nicht nur den besten Start innerhalb der Pandemie-Ära, sondern auch das beste Ergebnis für einen Sony Film überhaupt.

Die Zeichen stehen also auch hier auf Erfolg, auch wenn es viel gibt, das man am neuen Teil kritisieren könnte: Farb- und Lichtgebung sind nicht immer optimal, manche Charaktere wirken platt und unausgegoren, der Plot ist an sich auch nicht richtig griffig und in Top-Form, sondern hakt hier und da mit verschiedenen Spannungs-Mankos und sicher findet man noch einiges mehr, wenn man danach sucht.

Dennoch: Der Film macht Spaß und verbreitet irgendwo gute Laune, auch wenn die Düsternis nicht auf höchstem Niveau stattfindet: Man freundet sich schnell mit den Gegebenheiten an und hat eine wunderbare Grundlage geschaffen, um ins Reich der Erfolgreichen in diesem Business aufzusteigen.

Denn genau das wünsche ich den Produzenten: Macht mehr daraus, eine wunderbare Grundlage habt ihr damit inzwischen gelegt.

Achtung: Kurz vor Kinostart hat Venom: Let there be Carnage von der FSK eine Freigabe ab 12 Jahren erhalten und nicht – wie vorher – FSK 16!

Somit steht auch jüngerem Publikum dem Kinospaß nichts mehr im Wege, das mit solcherlei Bildern inzwischen aufgewachsen ist und psychologisch klar kommen sollte.

Nutzt als Eltern am besten die verschiedenen Trailer auf den eingängigen Portalen, um euch einen eigenen Eindruck zu verschaffen und dann individuell zu entscheiden.

.kinoticket-Empfehlung: Es könnte der Beginn von etwas ganz großem sein: alle Zeichen stehen auf Erfolg, auch wenn dieser Teil immer noch etwas an der Spitzenprofessionalität hakt: Der Film verbreitet gute Laune, nimmt sich selbst kaum ernst und legt fantastische Grundbausteine, um der Beginn von etwas Unvergessenem zu werden.

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Unbedingt sitzen bleiben: Sony hat noch eine tolle Überraschung am Start, bei der uns extra gebeten wurde, nicht zu spoilern! Also auf keinen Fall den Saal frühzeitig verlassen!

Kinostart: 21. Oktober 2021

Original Title: Venom: Let there be Carnage
Length: 97 Min.
Rated: FSK 12