Dezember 6, 2021

.kinoticket-blog.de

| highest standard in cinema addiction |

Zombie – Dawn of the Dead (4K)

© 2021 Koch Films

Jetzt lasst euch mal nicht gleich abschrecken („Oh, so’n Thema interessiert mich nicht“), sondern lasst euch zumindest auf diesen cineastisch-historischen Beitrag ein, der sehr starke Einblicke in die Entwicklung der Filmgeschichte liefert.

Sorgen wir mal gemeinsam wieder für etwas Überblick (auch, wenns an dieser Stelle wieder etwas komplex werden kann):

George A. Romero gilt als der Gottvater des Zombiefilms und erschuf 1968 mit Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead) den Auftakt der Living Dead-Filmreihe und generierte damit ein neues Sub-Genre: Zombiefilme.

Dem folgten dann einige Nach-Produktionen, die für sich die Original-Living Dead-Reihe ausmachen:

Night of the Living Dead (1968)
Dawn of the Dead (1978) (dieser Film hier)
Day of the Dead (1985)
Land of the Dead (2005)
Diary of the Dead (2007)
Survival of the Dead (2009)

Welche Auswirkungen das auf den Filmmarkt hatte, lässt sich allein schon an den Remakes und Neuverfilmungen erkennen, als da wären:

Die Rückkehr der Untoten (1990)
Dawn of the Dead (2004) (Remake des Originals von Zack Snyder)
Night of the Living Dead (3D) (2006)
Day of the Dead (2008)
Night of the Living Dead: Resurrection (2012)
Living Dead (2012)
Night of the Living Dead (3D Dead) (2013)
Night of the Living Dead (2014)
Night of the Living Dead: Darkest Dawn (2015)
Night of the Living Dead: Rebirth (2016)
Night of the Living Dead: Genesis (2016)

Romero selbst ließ sich von einem Buch (man höre und staune) inspirieren, und zwar auch keinem unbekannten Titel: I Am Legend aus dem Jahre 1954, der inzwischen ebenfalls mehrfach, u.a. mit Will Smith, verfilmt wurde.

Aber zurück zu unserem Titel: Dieser kämpfte zu seinen Enstehungszeiten mit diversen Finanzgeber-Problemen, weshalb sich die Vermarktung quasi splittete, da sich Romero über Umwege an Dario Argento wandte, der für sich selbst wiederum das Recht erkaufte, den Film in allen nichtenglischsprachigen Ländern zu veröffentlichen, weshalb es seit gefühlten Jahrhunderten zwei Fassungen dieses Films gibt: den Romero-Cut und den Argento-Cut.

Dann folgte eine unendliche Odyssee an immer wieder neuen Schnittfassungen mit immer wieder neuen Beschlagnahmungen nach § 131 StGB, unter anderem auch in Deutschland, weswegen es den Film offiziell über Jahre nicht zu kaufen gab, da die Weitergabe damit als Straftat geahndet wurde.

Geht man in die Zeit seiner Entstehung zurück, ist dies auch absolut nachvollziehbar, denn die gezeigten Bilder waren für damalige Verhältnisse durchaus grausam und schreckenerregend.

Genau das macht es so spannend, den Film nach so langer Zeit endlich wieder mal im Kino mit Fremdpublikum zu sehen: Wie sich im Laufe der Zeit die Menschheit geändert hat und wie man etwas völlig neu bewerten kann, was es vor Jahren noch über den Index hin in die verbotene Zone geschafft hat.

Erst im April 2019 wurde die Beschlagnahmung nämlich final aufgehoben und der Film durch die FSK neu geprüft, die nun eine Freigabe ab 18 Jahren für die ungekürzte Fassung ausstellte.

Und seitdem rattert das Ding immer wieder mal über die Leinwände und erfreut Fans, Kult-Fanatiker und Nostalgiker. Zu recht, denn das heutzutage wirklich erschreckende ist eigentlich etwas völlig anderes.

Die ursprüngliche Idee und Produktion bewegt sich eindeutig im anspruchslosen, unteren Sektor der Filme und darf gerne (ohne spöttisch zu wirken) als B- oder C-Movie abgestempelt werden: Zum Teil fälschten sogar Hauptdarsteller ihre Lebensläufe, weil sie sonst nicht an die Rolle zu kommen glaubten und selbst der Produzent log, was die Kosten betraf, weil er der Meinung war, mit dem dreifachen an angeblichen Produktionskosten angeblich mehr Wahrnehmbarkeit zu erkaufen.

Romero selbst hatte zuvor ebenfalls einen Flop hingelegt und darum war auch das hier absolut kein Garant auf einen durchschlagenden Erfolg. Den hat es nun aber massiv gegeben.

Zombie – Dawn of the Dead gilt als DAS Vorbild schlechthin für alles, was irgendwie gefühlt danach in diesem Genre folgte: So unzählig viele Filme orientieren sich an diesem Titel, greifen ihn auf, honorieren ihn, erweitern ihn, interpretieren ihn oder verwerkstücken ihn. Selbst die Spielebranche und Musikindustrie warten mit unzähligen Honorierungen und Anspielungen bzw. Nennungen auf.

Das Krasse daran ist, dass die Hauptidee immer wieder neu aufgebaut und damit durch die Jahrzehnte getragen wurde. Und wenn man sich das Original dann heute ansieht, wird man auf einmal mit der Kluft konfrontiert, die sich im Stille-Post-Prinzip daraus inzwischen entwickelt hat: Zwar erkennt auch der Laie durchaus Ankerpunkte des alten Plots in den neuen Streifen wieder, allerdings wurde die interpretationsfreudige Tiefe des Inhalts (was bei diesem Genre eigentlich absurd ist), kaum mittransportiert: Heute geht es nur noch um Schlachten, möglichst viele Blutfetzen, Gore, Gekröse und widerliche Szenen, die die Zuschauer bei Laune halten sollen, der geistige Content ist nahezu komplett verschwunden, was dieses Genre damit auch so lieblos gemacht und in eine Nischen-Ecke gedrängt hat.

Im Original stattdessen geht es um so viel mehr. Nicht umsonst hat sich das Museum of Modern Art (!) eine Kopie für seine hauseigene Sammlung dazu eingekauft. Da werden 1978 schon Dinge kritisiert, die 2021 brandaktuell sind und selbst bei den offensichtlichen Dingen („Virus“) fühlt sich der Plot wie ein Handbuch zur aktuellen Lage der Welt an. Und genau das ist unfassbar beeindruckend. Die geistige Unreife, die typische „Horrorfilm-Blödheit“ und all das, was man heutzutage diesem Genre an Einfallslosigkeit und geistiger Umnachtung vorwerfen kann, ist in diesem Film nicht wirklich zu finden.

Und damit wird es zu einer großartigen Erfahrung, den Streifen nun immer wieder mal im Kino zu bestaunen: Inzwischen wurde er ja in 4K restauriert und somit auch auf bildtechnischem Niveau unserem Zeitalter angepasst. Der Inhalt ist sowieso nach wie vor hoch aktuell.

.kinoticket-Empfehlung: Eine cineastische Erfahrung, die ihresgleichen sucht und an die Anfänge filmischen Schaffens erinnert. Dabei punktet der Film mit inhaltlicher Stärke, brandaktuellen Themen und zeigt, dass auch C-Movie-Genres einst mal ernstzunehmende Sektionen waren, die viel wichtiges zu sagen hatten.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Bis auf die ikonische Musik folgt hier nichts weiter.

Kinostart: 29. Oktober 2020 (Produktion: 1978)

Original Title: Dawn of the Dead
Length: 120 Min. (Argento Cut)
Rated: FSK 18