Zwingli - Der Reformator - Filmplakat
© 2020 W-film Distribution

Wenn der Film startet, fühlt man sich an vieles erinnert, was heutzutage (wieder) aktuell ist: Eine „Seuche“, die die Menschheit „dahinrafft“, Unbehagen und totale Orientierungslosigkeit bei vielen Bürgern, einige Mächtige, die sich offensichtlich über das Wohl aller erheben und damit einen Großteil der ihr unterstellten Bevölkerung schamlos ausnutzen und betrügen… Es gibt so viele Punkte, die zum Teil auch in meinem Leben nicht spurlos an mir vorübergegangen sind, auch wenn man in punkto Schwere keinerlei Vergleiche ziehen kann. Aber ich kann es verstehen und nachempfinden.

Zwingli – Der Reformator greift hier mit einer wunderbaren Autorität ein und fängt an, den „Dreck nach draußen zu schaffen“ und für klare Verhältnisse zu sorgen. Dass der Mensch – der im Allgemeinen ein Gewohnheitstier ist, das eben jene Gewohnheiten höchst ungern in Frage stellt oder gar ändert – damit in den häufigsten Fällen so gar nicht zufrieden ist, ist gemeinhin keine Neuigkeit.

Das Erschreckende bei mir war: Die angeprangerten Zustände sind allesamt mehr oder weniger höchstaktuell … der Film handelt aber von Huldrych Zwingli, dessen Geburtsjahr auf 1484 beziffert ist. Die angegangenen Missstände, die dieser Reformator seiner Zeit vor die Augen der Zuständigen in Zürich hielt, wünscht man sich heute – 2020 – in Großteilen immer noch reformiert und denkt im ersten Moment: Okay, nun kann‘s los gehen: Endlich reißt mal jemand seine Klappe auf und spricht Tacheles.

Das zeigt, dass ein Hinterfragen der alltäglichen Normalität bis zum heutigen Tag immer noch enorme Bedeutung inne hält und in meinen Augen noch viel zu wenig in der Öffentlichkeit praktiziert wird. Dass die Dinge „schon immer so gewesen sind, darum sind sie auch heute so“ war für mich noch nie eine plausible Erklärung für bestimmtes Handeln.

Gehen wir – ganz banal – mal in andere Bereiche, zum Beispiel die Küche: Nur, weil man im 9. Jahrhundert gut fand, dass man seine Rüben an gewissen Metallrändern aufschlitzen konnte (heute auch als „Küchenreibe“ bekannt), bedeutet das noch lange nicht, dass ich heute 25 kg Weißkohl nicht viel leichter (und verletzungsfreier) mit einer entsprechenden Gastro-Maschine zerhäckseln kann. Abgesehen vom gesundheitlichen Aspekt ist hier auch viel weniger körperliche Arbeit und natürlich auch viel weniger Zeit von Nöten.

Aber geht mal in die Gastronomie und versucht, eine solche bereits schon vorhandene Maschine für den Gebrauch zu aktivieren und merket auf, welch Widerstand und Irr-Reden euch dabei begegnen: „Nein, ich hab doch meine liebe Küchenreibe, damit geht das doch viel schneller und …. AUA!“ #Blut.

Es ist eine wahre Freude, dem Hauptdarsteller Simonischek hier beim Aufräumen solcher missgeleiteten Gedanken und Abhandlungen zuzuschauen… zumindest bis zu einem gewissen Punkt.

Denn – wie bei allen Revolutionen in der Geschichte unserer Spezies bisher auch – kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem alles ausartet. Man streitet sich, man versteht den Grundgedanken nicht, man übertreibt, man dreht völlig ab.

Auch, wenn die geschichtlichen Aspekte, die im übrigen sehr gut umgesetzt sind und ein sehr stimmiges und gutes Bild abliefern, bereits dem ein oder anderen bekannt sein könnten, liefert dieser Film einen völlig neuen (Auffrischungs-)Einblick in die Geschichte und zeigt, dass neben dem hierzulande wohl bekanntesten Reformator Martin Luther auch andere maßgeblich bei der Gestaltung der religiösen und alltäglichen Lebensweisen unseres Planeten tätig und wichtig waren.

Lobend erwähnen möchte ich auch einige handwerkliche Momente des Films: Da wäre die Kostümierung, die sich sehr originalgetreu an Bildstichen Zwinglis orientiert und damit eine zeitgetreue Klammottage aufführt, ebenso gibt es im Film unzählige Momente, in denen sehr präzise und gekonnte Kameraeinstellungen und Blickwinkel zu sehen sind, die für sich ein absoluter Augenschmaus sind und Hand in Hand mit dem Kolorit des Films eine optische Basis bieten, die – abseits der Geschichte – allein schon extrem angenehm und sehenswert ist.

Und: Der Soundtrack. Leute – das ist ein schweizer Kinoprojekt, deutschsprachig produziert und ragt so dermaßen aus dem sonstigen Wust deutschen Kinoversagens heraus. Was hier extra von Baldenweg produziert und komponiert wurde, ist für sich eigenständig publizierwürdig und trägt eine dermaßen angenehme sakral-chorale und orchestrale Offenbarung zur Schau, dass man sich den Film allein deshalb anschauen sollte.

Und das geht – in Zeiten von Corona – ganz einfach über http://zwingli.vod.wfilm.de per Streaming oder direkt zum Kauf. Gleichermaßen könnt ihr den Film auch via iOS, Android, Apple TV, Roku und Chromecast sichten bzw. erwerben.

Insgesamt ein sehr bewegender, packender Film, der sich mit historischen Meilensteinen auseinandersetzt und die schweizerische Seite der Reformation in allen Facetten sehr originalgetreu beleuchtet und wiederbelebt.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 31. Oktober 2019
VoD: 14. Mai 2020
Heimkinostart: 29. Mai 2020

Original Title: Zwingli – Der Reformator
Length: 128 Min.
Rated: FSK 12